{"id":1701,"date":"2015-08-10T06:00:26","date_gmt":"2015-08-10T04:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kladower-forum.de\/?p=1701"},"modified":"2017-02-10T16:37:44","modified_gmt":"2017-02-10T15:37:44","slug":"vor-siebzig-jahren-im-schloss-gross-glienicke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kladower-forum.de\/?p=1701","title":{"rendered":"Vor siebzig Jahren im Schloss Gro\u00df Glienicke"},"content":{"rendered":"<p>Beitrag vom 15.11.2015 aus den Treffpunkten Winter\u00a02015<\/p>\n<h6><strong>Vor dem Umbruch<\/strong><\/h6>\n<p>Sie war 10 Jahre alt, als Ehrentraud Possin mit ihrer Mutter aus Baerwalde in der Neumark im heutigen Polen nach Gro\u00df Glienicke gefl\u00fcchtet war. Sie wei\u00df noch ganz genau die alte Adresse: Breiter Gang 294.<\/p>\n<p>Es war Ende 1944. Sie erwischten noch einen der letzten Z\u00fcge \u00fcber die Oder, bevor die Eisenbahnbr\u00fccke gesprengt wurde. Ihr Ziel war das Gut Gro\u00df Glienicke, wo ihr Vater Paul Possin als Gutsinspektor eingesetzt war. Zu diesem Zweck war er extra vom Milit\u00e4r freigestellt worden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1706\" aria-describedby=\"caption-attachment-1706\" style=\"width: 588px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schloss-gross-glienicke.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1706 size-full\" src=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schloss-gross-glienicke.png\" width=\"588\" height=\"383\" srcset=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schloss-gross-glienicke.png 588w, https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/schloss-gross-glienicke-300x195.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1706\" class=\"wp-caption-text\">Schloss Gro\u00df Glienicke<br \/>Quelle: Kladower Forum e. V. Archiv Werkstatt Geschichte<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das prachtvolle Schloss Gro\u00df Glienicke stand auf einer kleinen Anh\u00f6he in der N\u00e4he des repr\u00e4sentativen Spandauer Tores. Dekorative Stallungen und Wirtschaftsgeb\u00e4ude bildeten den Schlosshof. Dort mitten hinein hatte man einen kleinen Bunker gesetzt. In Richtung Gro\u00df Glienicke war das ganze Ensemble begrenzt von dem kleinen H\u00e4uschen der G\u00e4rtnerei Jede mit dem Anbau eines f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse gro\u00dfen Gew\u00e4chshauses.<br \/>\n1945 \u2013 kurz vor Kriegsende \u2013 lebte eine bunt zusammengew\u00fcrfelte, aber gut funktionierende Hausgemeinschaft im Schloss Gro\u00df Glienicke. Familie Possin bewohnte im ersten Stock eine Zweizimmer-Wohnung mit K\u00fcche. Die beiden gro\u00dfen Br\u00fcder von Ehrentraud, Karl und Wilhelm, waren als Soldaten an der Front. In einem eingez\u00e4unten Stallgeb\u00e4ude waren russische Kriegsgefangene untergebracht. Sie mussten die landwirtschaftlichen Arbeiten verrichten, sowohl bei dem Vieh in den Stallungen als auch auf den Feldern.<\/p>\n<p>Ihre Wachmannschaften wohnten mit im Schloss, wie auch eine Sekret\u00e4rin mit ihrem Sohn und auch die K\u00f6chin Frau Chmielewski mit Sohn Paul. Sie kochte auch f\u00fcr die Wachmannschaften, nur f\u00fcr die Gefangenen kam ein Lieferauto mit \u201eFra\u00df\u201c.<\/p>\n<p>Leider funktionierten die Toiletten nicht mehr, die Sickergruben waren \u00fcberf\u00fcllt und auf Abhilfe war nicht zu rechnen. So wurde eine kleine Grube gegraben und zwei Bretter dar\u00fcber gelegt. Wenn sie voll war oder starke Ger\u00fcche verbreitete, wurde sie zugesch\u00fcttet und eine neue gegraben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1705\" aria-describedby=\"caption-attachment-1705\" style=\"width: 354px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/spandauer-tor.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1705 size-full\" src=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/spandauer-tor.png\" width=\"354\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/spandauer-tor.png 354w, https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/spandauer-tor-241x300.png 241w\" sizes=\"auto, (max-width: 354px) 100vw, 354px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1705\" class=\"wp-caption-text\">Rittergut Gro\u00df Glienicke Spandauer Tor<br \/>Quelle: Kladower Forum e. V. Archiv Werkstatt Geschichte<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gesellschaftsspiele. Ein Russe fertigte f\u00fcr Traudchen, wie sie genannt wurde, einen sehr h\u00fcbschen Ring, f\u00fcr den er 5 RM bekam. Nebenbei lernte sie die allerschlimmsten russischen Schimpfw\u00f6rter, die sie heute nach siebzig Jahren zum gro\u00dfen Teil noch beherrscht. Der junge Paul Chmielewski musste oft versteckt werden, weil er j\u00fcdisch aussah.<\/p>\n<p>So vergingen die letzten Kriegsjahre bis zum Zusammenbruch.<\/p>\n<h6>Die Russen kommen!<\/h6>\n<p>Der Einmarsch der Russen erfolgte vom Dorf Gro\u00df Glienicke her. W\u00e4hrend des Kampfgeschehens hatten sich Mutter und Tochter Possin im Bunker versteckt. Als dieser ihnen zu eng und unheimlich wurde, schlichen sie zu den anderen Bewohnern ins Schloss. Keine Erinnerung hat die damals Zehnj\u00e4hrige daran, wo sich ihr Vater zu der Zeit aufhielt. Die Frauen hatten sich auf eventuelle \u00dcbergriffe vorbereitet mit Nadeln in den Taschen oder Traudchen sollte ganz laut schreien; doch gl\u00fccklicherweise war das alles nicht notwendig.<\/p>\n<p>Die russischen Soldaten besetzten das Schlossgeb\u00e4ude, randalierten, schlitzten die Betten auf und warfen sie aus dem Fenster, so dass die Federn als gro\u00dfe Wolke herunterkamen. Auch die \u00fcbrige W\u00e4sche flog hinterher. Frau Possin hatte unter einer Lampe G\u00e4nsek\u00fcken ausgebr\u00fctet. Sie wurden als Spielzeug benutzt und sp\u00e4ter mit einem Dolch aufgespie\u00dft. \u00dcberall im Garten waren sie dann zu finden. Auf der dunklen Kellertreppe lag ein mit Bauchschuss verwunderter deutscher Soldat. Er wurde verbunden und gerettet. Nach Jahren kam er wieder vorbei, um sich zu bedanken. Der Sohn von G\u00e4rtnermeister Jede war durch eine explodierende Handgranate gestorben. Sein Vater hatte dabei sehr schwere Beinverletzungen davon getragen. Trotz des schweren Verlustes ihres Sohnes hatte die Familie Jede in den 50er Jahren die Courage aufgebracht, im Dorf Kladow einen Blumenladen zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Die ehemals gefangenen russischen Soldaten kamen mit Wodka und Delikatessen vorbei, um ihre Befreiung mit den Deutschen zu feiern. Sie sagten \u00fcber ihre Bewacher und besonders \u00fcber die Familie Possing nur Gutes und Positives aus. Jedoch ganz pl\u00f6tzlich waren sie verschwunden. Man sagte: In Russland seien sie sp\u00e4ter nicht gut angesehen gewesen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Russenbesetzung sollte Vater Possin mit der ganzen Familie als Gutsverwalter nach Russland abgeworben werden. Um von ihm die Zusage zu erreichen, wurde er mehrmals abgeholt und sogar gefoltert. Er kam stets traumatisiert am ganzen K\u00f6rper zitternd nach Hause zur\u00fcck. Er ist dann 1948 sehr fr\u00fch gestorben. Die Familie Possin zog in ein kleines Inspektorenh\u00e4uschen, das sie sp\u00e4ter erwerben konnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1704\" aria-describedby=\"caption-attachment-1704\" style=\"width: 501px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/kindergruppe-am-gross-glienicker-see.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1704 size-full\" src=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/kindergruppe-am-gross-glienicker-see.png\" width=\"501\" height=\"345\" srcset=\"https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/kindergruppe-am-gross-glienicker-see.png 501w, https:\/\/kladower-forum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/kindergruppe-am-gross-glienicker-see-300x207.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1704\" class=\"wp-caption-text\">Kindergruppe am Gro\u00df-Glienicker See<br \/>Quelle: Ilse Engelke<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach dem Kriegsende wurde bei dem Potsdamer Abkommen Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. Jede Besatzungsmacht bekam einen Flughafen, die Briten Gatow. Westlich des Ritterfelddammes wurde ihnen Glienicke West als Interessengebiet im Austausch mit West Staaken zugesprochen. Nachdem im Gut Gro\u00df Glienicke der Schlagbaum mehrmals verschoben wurde, war dann der Graben die endg\u00fcltige offizielle Grenze, die somit auch mitten durch den Glienicker See verlief. Das Schloss Gro\u00df Glienicke geh\u00f6rte folglich zu West-Berlin. Aus Frust dar\u00fcber machten die russischen Besatzer ein Lagerfeuer auf dem Parkettfu\u00dfboden und brannten das gesamte Schloss ab. Die Feuerwehr wurde am L\u00f6schen gehindert.<\/p>\n<p>Ehrentraud Possin besuchte die Dorfschule in Gro\u00df Glienicke und ging zum Konfirmandenunterricht zu Pfarrer Bachmann nach Kladow und dann zu Pfarrer Stinzing nach Gro\u00df Glienicke.<\/p>\n<p><em>Hanne Ritter<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag vom 15.11.2015 aus den Treffpunkten Winter\u00a02015 Vor dem Umbruch Sie war 10 Jahre alt, als Ehrentraud Possin mit ihrer Mutter aus Baerwalde in der Neumark im heutigen Polen nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_EventAllDay":false,"_EventTimezone":"","_EventStartDate":"","_EventEndDate":"","_EventStartDateUTC":"","_EventEndDateUTC":"","_EventShowMap":false,"_EventShowMapLink":false,"_EventURL":"","_EventCost":"","_EventCostDescription":"","_EventCurrencySymbol":"","_EventCurrencyCode":"","_EventCurrencyPosition":"","_EventDateTimeSeparator":"","_EventTimeRangeSeparator":"","_EventOrganizerID":[],"_EventVenueID":[],"_OrganizerEmail":"","_OrganizerPhone":"","_OrganizerWebsite":"","_VenueAddress":"","_VenueCity":"","_VenueCountry":"","_VenueProvince":"","_VenueState":"","_VenueZip":"","_VenuePhone":"","_VenueURL":"","_VenueStateProvince":"","_VenueLat":"","_VenueLng":"","_VenueShowMap":false,"_VenueShowMapLink":false,"cybocfi_hide_featured_image":"","footnotes":""},"categories":[3],"tags":[110,18,35,163],"class_list":["post-1701","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-werkstatt-geschichte","tag-gross-glienicke","tag-kladow","tag-treffpunkte","tag-werkstatt-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1701","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1701"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1701\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1709,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1701\/revisions\/1709"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kladower-forum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}