Film | ZUFLUCHT – BERLINER JUDEN IM VERSTECK

Ein Film von Carl-Ludwig Paeschke und Heiko Roskamp, ZDF 1985
Mehr als 80 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und damit dem Ende des NS-Terrors laden wir Sie am 8. Mai 2026 um 18:00 Uhr in das Haus des „Kladower Forum“ zu einer besonderen Filmvorführung ein. Nach einer musikalischen Begrüßung und anschließender kurzen inhaltlichen Einführung durch Heiko Roskamp wird der Film „Zuflucht – Berliner Juden im Versteck“ gezeigt.
Diesen Film drehte er gemeinsam mit Carl Ludwig Paeschke im Auftrag des ZDF 1985.
Der Film basiert im Wesentlichen auf seinen Recherchen zu diesem Thema, in deren Verlauf weltweit Zeitzeugen interviewt wurden.
Ein Teil dieser Interviews fand Eingang in den Film.
Der Film stellt in seiner Form ein Novum dar. Er gibt Verfolgten des Dritten Reiches, jüdischen Menschen – die untergetaucht waren und von ganz unterschiedlichen Personen Unterstützung erhalten hatten – die Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu erzählen.
In langen Einstellungen mit nur wenigen Schnitten wird ihnen bewusst viel Raum eingeräumt, so dass ihre Berichte zusammenhängend bleiben und nichts Wesentliches verloren geht oder ausgelassen wird.
Diese zurückhaltende filmische Gestaltung schafft Nähe und unterstreicht die Glaubwürdigkeit der Erzählungen.
Im Mittelpunkt stehen die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, deren Erfahrungen hier Gehör finden und deren Perspektive das Verständnis dieser historischen Ereignisse maßgeblich prägt.
Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es die Möglichkeit zum Dialog mit Heiko Roskamp.
Kurz zur Situation am 8.Mai 1945 in Berlin:
Dieses Datum markiert die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. In Berlin kam es bereits Ende April zum militärischen Zusammenbruch.
In den westlichen Randgebieten wie Kladow, Gatow und Groß Glienicke verlief das Kriegsende weniger zerstörerisch als im Stadtzentrum Berlins. Bis zum 2. Juli 1945 waren diese drei Orte fest unter sowjetischer Kontrolle.
Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass Gatow, Kladow und der geographische Ostteil Groß Glienickes nach Verhandlungen zwischen den Alliierten am 2.Juli 1945 von den britischen Truppen besetzt und der Flugplatz Gatow an die Briten übergeben wurde.
Ein historischer Rückblick auf den durch Vertreibung und Ermordung herbeigeführten Exodus der jüdischen Bevölkerung Berlins zeigt, dass im Mai 1945, also nach Kriegsende, nur noch ca. 5000 jüdische Einwohner überlebt hatten, wobei die meisten von ihnen aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern befreit wurden.
Eine weitere Gruppe – etwa 1700 – jüdischer Frauen und Männer überlebte mit einem sog. „arischen“ Ehepartner in sog. „Mischehen“.
(Zur Erinnerung: Vor der Machtergreifung lebten in Berlin mehr als 175.000 Menschen jüdischen Glaubens; ein Großteil von ihnen konnte rechtzeitig emigrieren; mehr als 50.000 sind deportiert worden.)
Nur knapp 1000 jüdische Personen, die Zahl lässt sich nicht genau ermitteln, überlebte untergetaucht und versteckt als sog. „U-Boote“ durch die Hilfe von Nachbarn, Freunden oder Verwandten.
Die meisten bekannten Verstecke befanden sich in Arbeiter- und Innenstadtvierteln. Dort, wo insbesondere in den Kriegswirren noch Anonymität möglich war.
Dörfliche Randlagen wie Gatow, Kladow und Groß Glienicke waren dafür strukturell ungünstiger, aber nicht ausgeschlossen. Nach offiziellen Angaben lebten in Gatow, Kladow und Groß Glienicke im März 1945 keine Juden mehr. Sie waren ausgewandert oder in den Vernichtungslagern ermordet worden.
In der Publikation „Kladow im Frühjahr 1945“ (veröffentlich vom Kladower Forum 2025) berichtet Rainer Nitsch von Susanne Friedemann, die als Jüdin die NS–Zeit mithilfe von Bernhard von Schüching versteckt in dessen Bootshaus am Sacrower Kirchweg überleben konnte. Nach dem Ende des Krieges heirateten beide.
Warum es hier – im Gegensatz zu Berliner Bezirken wie Mitte, Tiergarten, Wedding und Neukölln – kaum oder nur wenig Belege über jüdische Schicksale gibt, liegt vermutlich darin begründet, dass
- Überlebende oft aus Angst, Scham oder zum Selbstschutz schwiegen,
- Helfer anonym bleiben wollten: „Verstecken“ war für sie lebensgefährlich, da die Überwachung in dörflichen Gemeinden intensiver war – jeder kannte jeden,
- dörfliche Orte weniger Akten hinterlassen haben – so befanden sich hier unter anderem weder jüdische Gemeinden noch Deportationslisten vor Ort und
- auch in der britischen Besatzung ab dem 2. bis 4. Juli 1945 der Fokus nicht auf der Dokumentation jüdischer Schicksale, sondern auf dem Aufbau der Militärverwaltung lag.
Fazit: Keiner der drei Orte Kladow, Gatow oder Groß Glienicke ist heute als „Ort jüdischen Untertauchens“ genauer dokumentiert, im Gegensatz zu den innerstädtischen Bezirken.
Es ist aber nicht auszuschließen, dass einzelne Personen – wie wir sahen – mithilfe von Freunden und Verwandten hier überleben konnten.
Zur Person:
Heiko Roskamp lebt seit 1971 in Berlin (ab1991 in Potsdam/ Groß Glienicke) und studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft, Germanistik und Pädagogik.
Seit Anfang der 1980er Jahre forschte er zu verschiedenen historischen Themen, besonders zum Faschismus, Nationalsozialismus und Totalitarismus, zur Verfolgung und dem Widerstand während der NS-Diktatur und zur vergleichenden Systemlehre DDR versus westlichen Demokratiemodellen respektive Bundesrepublik Deutschland. Er wirkte an diversen Publikationen und Dokumentationen zur Geschichte Berlins mit.
Als einer der Ersten wandte er bei seinen Recherchen die Methode der „Oral History“, der erzählten Geschichte, an. Er ordnete allgemein wissenschaftlich bekannte historische Fakten den Berichten der von ihm interviewten Zeitzeugen zu und erreichte damit eine Unmittelbarkeit, die es besonders jungen Menschen ermöglichte, abstrakte Fakten besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Noch heute wird nach dieser Methode jüngere Geschichte vermittelt.
Eines seiner Forschungsergebnisse war u. a. der genaue Nachweis des Deportationsweges von der zum Sammellager missbrauchten Synagoge in der Levetzowstrasse zum Bahnhof Putlitzstrasse in Berlin-Moabit, dem wahrscheinlich größten Deportationsbahnhofs in Berlin.
Diese Forschungsergebnisse wurden in seinen Publikationen, wie u. a. „Verfolgung und Widerstand 1933-1945“ (Berlin 1985), veröffentlicht.
Im Verlauf seiner umfassenden Recherchen weltweit entdeckte Roskamp im Imperial-War-Museum in London darüber hinaus das komplette Zellenbuch des Gestapogefängnisses (Zellengefängnis) Moabit in der Lehrter Straße 3, in dem bekannte Widerstandskämpfer, wie z. B. Haushofer, Goerdeler, Beck und Staufenberg, gefangen waren. Es hätte Möglichkeiten gegeben, dieses wichtige Dokument im Original nach Berlin zu holen, die leider nicht genutzt wurden.
Seine Forschungsergebnisse (Heiko Roskamp, „Verfolgung und Widerstand, 1933-1945“, 1985) gaben den Anstoß für die Mahnmale an dem Gedenkort für das ehemalige Sammellager in der Levetzowstrasse und am Bahnhof Putlitzstrasse sowie für viele der Stolpersteine und Gedenktafeln in Berlin-Mitte/-Tiergarten.
Noch heute forscht Roskamp zu historischen Themen, u. a. zur Geschichte der Juden in Brandenburg und Berlin vom Mittelalter bis in die jüngere Geschichte.
Cordula Benndorf
8. Mai 2026 um 18:00 Uhr in das Haus des Kladower Forum
Foto: Grabstätte Joseph Schwarz, Berlin-Weißensee; Heiko Roskamp
Veranstalter: Kladower Forum oder Externer Veranstalter
