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Winter 2013 Seite 17

Werkstatt Geschichte
Berliner Erinnerungen – Stalin fuhr durch Kladow
Jobst Tehnzen
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Zu einer richtigen Erinnerung gehört auch eine Vor-Geschichte. Vieles wird durch sie erst verständlich.

Die Vor-Geschichte zu dieser Geschichte handelt von der ANTIFA und ihrem Ableger in Kladow. Diese hat mit dem, was heute unter dem Namen ANTIFA läuft, so gut wie nichts zu tun.

Als die Alliierten in deutsche Städte einmarschierten, wurden in Wohnbezirken und Betrieben, zuweilen auch auf gesamtstädtischer Ebene, Aktionsausschüsse gebildet, die spontan in kollektiver Selbsthilfe Sicherheit, Säuberung, Versorgung, Aufräumungsarbeiten und zuweilen auch die Produktion organisierten.

Diese Ausschüsse trugen eine Vielfalt von Namen, die meist von bündnispolitischen Organisationen der KP abgeleitet waren; damals wurden sie allgemein `ANTIFA‘ genannt. Binnen weniger Wochen wurden die meisten von den Besatzungsmächten verboten“, schreibt Lutz Niethammer in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, Jg. 23v/1975), Heft 3, S. 296 ff. Niethammer ist einer der wenigen Historiker, die sich (hier am Beispiel Stuttgart) mit diesem Kurzzeitphänomen beschäftigt haben. ` Eine solche Antifa bzw. einen Ableger davon gab es Mitte 1945 auch in Kladow. Er hatte sein Büro in einem relativ neuen Gebäude (einem Geschäft?) in der Sakrower Landstraße gleich neben der Schule. Diese Antifa organisierte z. B. das Umgraben eines brach liegenden Feldes im Ort. Da ich im Spätsommer 1944 ein Vierteljahr lang für die `Festung Thorn´ in Senskau/Kulmsee im Akkord Schützengräben ausgehoben hatte, machte mir diese Arbeit durchaus Spaß. Hinzu kam, dass wir zwar alle erst 12 bis 15 Jahre alt waren, auf Grund dieser `Arbeit´ jedoch die Lebensmittelkarte für `Arbeiter´ bekamen – und damit auch die einem Arbeiter zustehenden Zigaretten. Das hatte zur Folge, dass der ebenfalls aus Danzig stammende 14jährige Nachbarsohn seinen noch nicht wieder `werktätigen´ Vater mit den kostbaren Glimmstengeln versorgen konnte, die sich ja nicht nur zum Rauchen, sondern genauso gut zum Tauschen, Verkaufen, `Verschenken´ u. ä. eigneten.

Eines Tages unterbrachen wir unsere `Feldarbeit´, wurden auf einen LKW verladen und auf den Flugplatz Gatow gefahren. Da sich alles dies im Juni/Juli 1945 abspielte, war der später als britischer Flugplatz für den englischen Anteil an der `Berliner Luftbrücke´ bekannte Flugplatz noch in der Hand sowjetischer Soldaten.

Hier gab es aber nun nichts umzugraben, sondern im Gegenteil etwas zuzuschütten. Rings um das Rollfeld waren schmale, im Zickzack verlaufende Gräben ausgehoben worden, in denen sich die deutschen Luftwaffensoldaten vor Splittern von Bomben, von der Flak, vor Maschinengewehrfeuer u. a. Unannehmlichkeiten halbwegs hatten in Sicherheit bringen können. Diese Gräben mussten nun schnellstens beseitigt, d. h. zugeschüttet werden. Damit es schneller ging, wurde in die Gräben alles hineingeworfen, was herumlag. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie ein offensichtlich nagelneues Motorrad in den Graben geworfen wurde, wie ein Spind aus einer Mannschaftsunterkunft in einem dieser Gräben verschwand, und wie sich alles freute, weil dieser den Graben wesentlich schneller füllte als man es mit dem langweiligen Schaufeln geschafft hätte. Zugleich sah es natürlich auf dem Rollfeld jetzt viel ordentlicher aus. Allgemein hieß es ja damals: Affen auf die Bäume, der Wald wird gefegt! (eine Arbeit, zu der uns die Antifa gelegentlich auch einsetzte). Was hat das nun alles mit Stalin zu tun?

Was wir damals nicht wussten, auch gar nicht wissen konnten, war der Beginn der `Potsdamer Konferenz´ am 17. Juni 1945. Was wir noch weniger wissen konnten war, dass Stalin mit dem Flugzeug kommen und in Gatow landen würde. Das war der Potsdam am nächsten liegende Flugplatz. Und wir hatten ihn ja auch mit deutsch/sowjetischer Gründlichkeit aufgeräumt, so dass sich kein `Werwolf´ oder sonst ein übrig gebliebener Nazi in einem der Gräben hätte verstecken können und auf die `Sonne des Vaterlandes´, den `Vater aller Kinder´ und was Stalin sonst noch alles war, ein Attentat verüben. Ich weiß nicht mehr den genauen Tag, an dem Stalin einflog, es muss wohl ein oder zwei Tage vor dem Beginn der Potsdamer Konferenz gewesen sein, dass sowjetische Soldaten die Straße vom Flugplatz bis nach Potsdam hermetisch abriegelten, an der mitten durch Kladow führenden Sakrower Landstraße alle Häuser, die in einem Randstreifen von etwa 50 m standen, räumten und die Dächer mit Scharfschützen besetzten.

Und all das nicht etwa mit Vorankündigung, sondern schlagartig am Morgen bzw. am frühen Vormittag. Das Ganze kam so unerwartet und schlagartig, dass zahlreiche Mütter, die Milch für ihre Kleinkinder vom Milchgeschäft auf der anderen Straßenseite holen wollten, erst abends etwa gegen 18 Uhr wieder über die Straße gehen und ihren schreienden Säuglingen den Mund stopfen konnten.

Stalin fuhr auf jeden Fall durch ein absolut menschenleeres Kladow. Zugleich, so wird behauptet, war Stalin ausgesprochen `flugscheu`. Ob er fürchtete, `aus allen Wolken zu fallen´, ist nicht bekannt. Es heißt, er sei nie geflogen, was schwer zu beweisen ist. Dann wäre der Flug nach Gatow/Potsdam sein einziges Flugerlebnis. Ob er auch den Rückflug über Gatow genommen hat, weiß ich nicht. Von einer zweiten Sperrung der Sakrower Landstraße ist mir nichts bekannt. Vielleicht ist er zurück nach Moskau doch lieber wieder mit dem Zug gefahren. Auf jeden Fall war Stalin in Kladow – auch wenn ihn keiner gesehen hat.

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