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Frühjahr 2015 Seite 27
„Ich habe mich erkannt!“
Ruth Fenske [Taschensonnenuhr]
Rainer Nitsch
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(Dr. Rudolf Rüters Taschensonnenuhr)
Ruth Fenske arbeitete bei der Montage der Taschensonnenuhr mit.
Was wir nicht zu hoffen gewagt haben, ist tatsächlich eingetroffen. In Heft Winter 2014 veröffentlichten wir einen Beitrag zu unseren bisherigen Recherchen über die Fabrik für technische Erzeugnisse von Dr. Rudolf Rüter in Kladow, in der eine Taschensonnenuhr hergestellt wurde.
Dem Aufsatz fügten wir drei Fotos aus der Wochenschau „Welt im Film“ Nr. 61 vom 24.07.1946 bei, die wir im Bundesarchiv Koblenz gefunden hatten. Ein paar Tage nach Verteilung der Hefte klingelte bei mir das Telefon und eine begeisterte Stimme sagte: „Ich habe mich erkannt!“
Ruth Fenske aus Kladow ließ keinen Zweifel daran, dass sie auf einem der Fotos abgebildet ist. Dadurch ergab sich die unersetzliche Möglichkeit, eine Vielzahl unserer Fragen über die Fabrik technischer Erzeugnisse Dr. Rudolf Rüter im Kladow von 1946 beantwortet zu bekommen. Denn die Anruferin, Ruth Fenske geb. Eckardt, war 1946 bei Rudolf Rüter mit der Montage der Taschensonnenuhr beschäftigt.
Peter Streubel und ich besuchten Ruth Fenske Anfang Dezember 2014 in ihrer Wohnung. Sie erzählte uns über ihre Zeit in Kladow während des Kriegsendes 1945, das sie als Fünfzehnjährige sehr bewusst miterlebt hat. Uns ging es zunächst um ihre Tätigkeit bei Dr. Rudolf Rüter. Sie bestätigte, dass die Produktionsstätte der Taschensonnenuhren in den steinernen Baracken am Kladower Damm zwischen Havelhöhe und Breitehornweg gelegen hat.
Damals hatte ein Herr Jonitz aus Hohengatow auch Räume dort gemietet, was dort hergestellt wurde, weiß Ruth Fenske nicht mehr.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit 1946 gehörte der Mangel an Nahrungsmitteln, aber auch an Arbeit zum Broterwerb zummtäglichen Leben. So nahm jeder jede sich bietende Gelegenheit wahr, sich etwas Geld zu verdienen. Und als Dr. Rudolf Rüters Arbeitskräfte zur Produktion seiner Taschensonnenuhr suchte, meldete sich Ruth Fenske, damals noch Ruth Eckardt, sofort und wurde angestellt. An die Filmaufnahme zur Wochenschau kann sie sich heute nicht mehr erinnern. Die Bilder zeigen genau den Raum, in dem die Montage erfolgte.
Ruth Fenske hat ein Foto von sich, das ein Fotograf etwa zu der Zeit aufgenommen hat, als sie bei Rüter beschäftigt war. Die Ähnlichkeit mit der jungen Frau auf dem Foto aus der Wochenschau ist so deutlich, dass kein Zweifel an der Identität bestehen kann.
Ihre Schwester, Christa Eckardt, arbeitete ebenfalls an der Produktion der Taschensonnenuhr. Sie hatte eine Maschine mit rotierenden Wellen zu bedienen. Dabei neigte sie ihren Kopf so weit herunter, dass eine Welle ihre herunterhängenden Haare erwischte und ein Büschel davon ausriss. Der Schreck war groß, aber die Kopfhaut hatte nicht darunter gelitten. Christa Eckardt lebt heute in England.
Ruth Fenske hat auf dem Foto neben sich auf dem Tisch eine Box mit Einzelteilen und vor sich eine Montiervorrichtung. Sie war im Wesentlichen mit dem Eindrehen von Schrauben beschäftigt. Und das 48 Stunden in der Woche, jeden Tag bis 17 Uhr.
Sie fand die Taschensonnenuhr zwar sehr schön, aber sie konnte es sich nicht leisten, für fünf Reichsmark eine solche Kostbarkeit zu erwerben.
Den Erfinder und Besitzer der Fabrik für technische Erzeugnisse Dr. Rudolf Rüter in Kladow hat sie zwar gesehen und ihn immer als sehr vornehm und korrekt erlebt, aber mehr weiß sie von ihm nicht.
Ruth Fenske hatte zu unserem Gespräch auch ihren Bruder Dietrich Eckardt eingeladen. Er konnte die Angaben seiner Schwester bestätigen. Ihre Erzählungen über die wirklich dramatischen Ereignisse um die Beendigung des 2. Weltkrieges sind für unsere Dokumentation der Geschichte vor Ort durch Aussagen von Zeitzeugen unverzichtbar. Diese Erlebnisse werden an einer anderen Stelle ihren Platz finden.
Auf diese Weise gehen Ergebnisse unserer Recherchen weit über die begrenzte Existenz der Rüterschen Taschensonnenuhrproduktion in Kladow hinaus.
Wir sind Ruth Fenske und ihrem Bruder Dietrich Eckardt dankbar für ihre Offenheit und ihr Vertrauen, uns ihre persönlichen Erlebnisse zu erzählen.
