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Winter 2023 Seite 36

Werkstatt Geschichte – Wider das Vergessen Teil 1
Schlaglichter zur Geschichte des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED)
Werner Würtele

Sucht man heute im Internet nach dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED), so erfährt man seitens des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nur noch, dass es den DED seit dem 1. Januar 2011 nicht mehr gibt, da in die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eingegangen.

Dreizehn Jahre früher wären wir auf eine Vielzahl von Programmen und Projekten des DED gestoßen, der damals in 48 Ländern mit fast 1.000 Entwicklungshelfer:innen tätig war. Warum erfährt man heute so wenig über den DED, der einmal der größte europäische Entwicklungsdienst und „Mutter“ so mancher Organisation wie z. B. dem Zivilen Friedensdienst oder dem Lerndienst weltwärts war, beliebt bei jungen Menschen, die mit diesem Dienst für ein Jahr ins Ausland gehen?

Die Gründung. Welch hoher politischer Stellenwert dem DED zum Zeitpunkt zukam, zeigt, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer, Bundespräsident Heinrich Lübke, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, BMZ-Minister Walter Scheel und der US-Präsident John F. Kennedy bei seiner Taufe am 24.6.1963 in Bonn zugegen waren. (Abb.1) [2]

Die katholische und evangelische Kirche hatten zuvor bereits ihre Entwicklungsdienste gegründet. Sie drängten die Bundesregierung einen ebensolchen, staatlichen Dienst ins Leben zu rufen. Konrad Adenauer indessen stand der Gründung eines Jugend- und Freiwilligendienstes kritisch gegenüber. Ihm mangelte es an der Vorstellung, dass von jungen Menschen wesentliche Entwicklungsimpulse auf die Gesellschaften der Länder des Südens ausgehen würden. Da aber Kennedy einem solchen Dienst positiv gegenüberstand – er hatte zwei Jahre zuvor das American Peace Corps gegründet -, willigte schließlich auch Konrad Adenauer in die Gründung eines Deutschen Entwicklungsdienstes ein. Anlässlich der Gründungszeremonie hob Kennedy hervor: „… gerade von der Jugend können wir erhoffen, dass sie beim Dienst, vielleicht in einem Dorf, das Tausende von Kilometern entfernt ist, eine größere Befriedigung finden, als wenn sie nur hier einer normalen Karriere nachgehen…“ [3]

Vom American Peace Corps hob sich der DED allerdings von Anfang an bewusst ab, indem er mindestens zwei Jahre Berufserfahrung für einen Einsatz verlangte. [4] Als wichtiges Gründungsmotiv des zu 100% aus dem Bundeshaushalt finanzierten DED wurde die Schließung der sog. Fachkräftelücke in Entwicklungsländern genannt. Eine hochaktuelle Frage sowohl für den globalen Süden als auch für Deutschland – bis heute. Nicht die großen Projekte sollten den DED kennzeichnen, sondern eine basisnahe, partnerorientierte Zusammenarbeit. Der später als „Fachdienst mit sozialem Engagement“ bezeichnete DED stand in der deutschen Gesellschaft lange Zeit für die deutsche Entwicklungshilfe schlechthin.

Über die Jahre wurden sie mit den unterschiedlichsten Prädikaten bedacht: Bundespräsident Heinrich Lübke z. B. würdigte die EH als „Soldaten des Friedens“. BMZ-Minister Wischnewski nannte sie „Botschafter guten Willens“, „stolze Pioniere“. [5] Vor dem Hintergrund der Studentenrevolte nannte der BMZ-Minister Eppler sie „friedliche Revolutionäre“. [6]

Für einen CSU-Abgeordneten dagegen waren die EH „gescheiterte Existenzen“, „Sturmtrupp der Revolution“, „Epplers rote Kolonne“ und „rote Missionare“…

In der Presse war unter der Überschrift „Von Albert Schweitzer zu Che Guevara“ zu lesen: „Bei 60 bis 70 Prozent der EH (ist) eine gesellschaftskritische Haltung für den Entschluss, zum DED zu gehen, mitbestimmend“. [7]

1969 wurde das bis heute bestehende „Entwicklungshelfer-Gesetz“ (EhfG) vom Bundestag beschlossen: „EH ist, wer in Entwicklungsländern, ohne Erwerbsabsicht Dienst leistet, um in partnerschaftlicher Zusammenarbeit zum Fortschritt dieser Länder beizutragen“(§1). [8] Nach der „Ordnung für Entwicklungshelfer“ dürfen sich diese nicht in politische Auseinandersetzungen des Gastlandes einmischen.

Nach Kladow. Minister Eppler machte sich bereits früh für eine Verlegung des DED von Bonn-Bad Godesberg nach Berlin stark. Schon 1969 wurde in Berlin-Kladow der Grundstein auf einem Obstgrundstück gelegt. 1977 schließlich konnte die DED-Geschäftsstelle von Bonn-Bad Godesberg nach Kladow umziehen. Jetzt waren alle Arbeitsbereiche des DED in Kladow vereint. Der DED-Umzug geschah im Rahmen „des Ausbaus des eingemauerten West-Berlin zu einer Stadt der internationalen Begegnung“, also aus berlinpolitischen Gründen.

Bei aller Kritik am „Betonbunker“: Büros und Unterrichtsräume waren großzügig-hell und funktional. Hier arbeiteten 200 Menschen, jährlich wurden 400 angehende Entwicklungshelferinnen, Helfer und deren Familienangehörige vorbereitet.

Es gab eine Mensa mit 150 Plätzen, die Wohnbereiche zählten 120 Betten, Tee- und Waschküchen, Sportanlagen, ein Amphitheater, Ruheecken, eine KITA, Holz- und Metallwerkstätten, einen Brennofen, ein Reisebüro und Musikzimmer und vor allem eine gut ausgestattete Fach-Bibliothek. Von der Vorbereitungsstätte konnten die EH in Vorbereitung schnell ins Verwaltungsgebäude kommen. Es gab zudem einen Versammlungsraum für gut 100 Personen. Ein solcher fehlt in Kladow bis heute. Dieser „H100“ wurde vom Kladower Forum wie auch als Wahllokal genutzt.

„Freistaat Kladow“. Zwischen dem BMZ und dem DED und seinen EHn kam es in den 80er Jahren immer wieder zu Spannungen. Was dem CSU-geführten BMZ überhaupt nicht gefiel: EH nahmen Stellung zur US-Politik gegenüber Nicaragua, zu Hausbesetzungen in West-Berlin und zur Startbahn West. In Bonner Kreisen sprach man vom „Freistaat Kladow“. Trotz aller Kritik, es gab auch Lob, so von Bundespräsident von Weizsäcker anlässlich seines Besuchs in Kladow 1986. [9]

1985 wurde das sog. DED-Schulprogramm als Kooperation mit dem Berliner Senat ins Leben gerufen. Zurückgekehrte Fachkräfte sollten die entwicklungspolitische und fremdenfreundliche Bildungsarbeit an Berliner Schulen unterstützen. Das Programm lebt als Bildung trifft Entwicklung [10] von Engagement Global fort.

Die Vereinigung Deutschlands brachte dem DED neue Aufgaben und Herausforderungen. Er übernahm die Verantwortung für alle durch den Entwicklungspolitischen Runden Tisch empfohlenen Projekte der FDJ-Brigaden der Freundschaft der ehemaligen DDR in Äthiopien, Angola, Simbabwe, Tansania, Laos, im Jemen und in Nikaragua. [11] Einige DDR-Botschaftsgebäude wurden zu DED-Büros so in Lima, Windhoek, Santiago und Vientiane. Die DED-Gastländer waren in den 90er Jahren geprägt durch zunehmende Sicherheitsprobleme. EH und ihre Familien mussten evakuiert werden aus Ruanda, Jemen, Sudan, dann Äthiopien. Unruhen gab es auch in Mali, Niger, Burkina Faso, Togo…

Konflikt- und Kriegsschauplätze bis heute. Angesichts der weltweit grassierenden Konflikte wurde 1997 die Gründung eines Zivilen Friedensdienstes (ZFD) [12] mit maßgeblicher DED-Beteiligung beschlossen.

In Deutschland erhöhte sich derweil die Zahl fremdenfeindlicher Ausschreitungen, was die EH in Vorbereitung zur Teilnahme an Demonstrationen motivierte.

Der DED zog zu seinem 30. Geburtstag Bilanz: Er zählte 1.100 EH in 42 Gastländern. Erstmals gab es in der DED-Chronik nicht nur Entwicklungshelfer, sondern auch Entwicklungshelferinnen.

DED-Kultur. Bundespräsident Roman Herzog bezeichnete die EH bei seinem DED-Besuch 1997 als „Kulturbotschafter“. [13] Tatsächlich wies die „DED-Kultur“ in Kladow – offen auch für die Kladower Nachbar:innen – viele Facetten auf unvergessliche Berg- und Abschlussfeste, World Cafés anlässlich der Tage der offenen Tür, kulturelle Veranstaltungen, ein Chor aus Kiew, Ausstellungen wie z.B. Kunsthandwerk aus Namibia, Filmabende, entwicklungspolitische Vorträge renommierter Wissenschaftler, Gäste aus der Dritten Welt wie z. B. der Befreiungstheologe Leonardo Boff. Es wurden altgediente und geschätzte Mitarbeiter:innen verabschiedet, Tanzkurse angeboten, Kinder geboren.

Die Spandauer Polizei spielte gegen eine Auswahl von Asylbewerbern der „Blauen Lagune“ (Name von den blaugestrichenen Notunterkünften gegenüber des DED) auf unserem Hartplatz Fußball mit dem Geschäftsführer des DED als Schiedsrichter – das alles und viel mehr gehörte zu diesem lebendigen, manchmal aufmüpfigen DED. Die Vorbereitungszeit vor allem war dafür verantwortlich, dass sich unter den EH ein hoher Grad an Corporate Identity herausbilden konnte.

Das Ende des DED in Kladow. Dem Umzugsbeschluss der Bundesregierung [14] folgend zog der DED zusammen mit anderen Berliner Entwicklungsorganisationen im Jahr 2000 nach Bonn um.

Eine Weiternutzung der Gebäude in Kladow wurde nicht in Erwägung gezogen. Abriss und Verkauf verzögerten sich aufgrund von Asbestverbauung.

Aus dem DED werden 2009 die Rehsprungterrassen, [15] eine Ansammlung von Einfamilienhäusern unterschiedlichster Bauart.

Haben Sie den DED noch in Erinnerung? Haben Sie Anmerkungen zu dem Artikel? Dann würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mir schreiben würden an: wwuert@t-online.de

[1] Der Text basiert auf der offiziellen DED/ GIZ-Chronik, die inzwischen aus dem Internet entfernt wurde, ergänzt durch Dokumente der Zeit und persönlichen Erinnerungen. Eine ausführlichere Version können Sie auf der website des ded-freundeskreis.de lesen. Der Autor war 21 Jahre beim DED tätig: als Landesdirektor in Brasilien, Regionalvorbereitungsreferent für Lateinamerika, Betriebsratsvorsitzender und Pädagogischer Leiter. Er wohnt seit 1985 in Kladow mit einer neunjährigen Unterbrechung. Er engagiert sich für den ded-freundeskreis.

[2] von links John F. Kennedy, Jaqueline, Heinrich Lübke, Walter Scheel und Konrad Adenauer. Foto DED-Archiv

[3] WDR1 v. 24.6.2013

[4] https://www.gesetze-im-internet.de/ehfg/

[5] Der Spiegel 12/1967).

[6] Epplers Straßburger-Rede

[7] Dr. Martin, ZAV, zit. n. FR 22.8.1970

[8] https://www.gesetze-im-internet.de/ehfg/

[9] DED-Archiv

[10] https://www.bildung-trifft-entwicklung.de/

[11] DED-Archiv

[12] https://www.ziviler-friedensdienst.org/de

[13] DED-Archiv

[14] Berlin/Bonn-Gesetz https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/ kw10-kalenderblatt-bonn-berlin-gesetz-627346

[15] https://christburk.com/property/rehsprungterrassen/

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