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Frühjahr 2024 Seite 17

Werkstatt Geschichte – Wider das Vergessen Teil 2
der DED nach Kladow
Werner Würtele

War der Deutsche Entwicklungsdienst 1977 aus berlin-politischen Gründen von Bonn nach Berlin gekommen, so kehrten er und andere Entwicklungsorganisationen im Jahr 2000 aus bonn-politischen Gründen zurück, um dem befürchteten Niedergang der Stadt entgegenzuwirken.

Die Abteilung Vorbereitung des DED wurde abgetrennt und mit der Zentralstelle für Auslandskunde (DSE) – zur Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit (V-EZ) fusioniert [1][2].

Für den DED eine erhebliche Schwächung, für die Kolleg:innen der Vorbereitung eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Sie mussten mit Container-Büros und -Unterrichtsräumen vorliebnehmen.

Letzter Weihnachtsbaum vor Kunst im Bau (stilisierter Regenwald) Foto: Werner Würtele

Im Dezember 2001 hatte Hauswirtschaftsleiterin Brita Tress wie jedes Jahr den Weihnachtsbaum für das letzte Vorbereitungsquartal festlich geschmückt, bis Hausmeister Walter Ratke am 31.12.2001 das letzte Licht im DED-Kladow löschte. In die vor 1977 errichteten – asbestfreien – Gebäudeteile zog zeitweilig die Waldorfschule ein. Danach war die gesamte Anlage lange Jahre dem Vandalismus preisgegeben.

Veränderungen

Der DED hatte sich über die Jahre verändert. Waren in der ersten Phase die Entwicklungshelferinnen und -helfer (EH) im Schnitt 21 Jahre alt, so in seiner Spätphase fast 40. Das Alter der DED-EH wuchs mit den Qualifikationsansprüchen der Partner – vom qualifizierten Meister zum Ingenieur. Von Beginn an wies der DED einen hohen Anteil an Frauen auf, wohl der Tatsache geschuldet, dass er in seinen frühen Zeiten im Unterschied zur Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) einen Schwerpunkt in den „femininen“ Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereichen hatte. Das Motto des DED „Lernen und Helfen in Übersee“ blieb bei aller Professionalisierung und Zunahme an technischen Berufen erhalten.

Unterrichtsraum in Scherben Foto Werner Würtele

Auch wenn manche Partner fertige Konzepte erwarteten und die GTZ mit solchen aufwartete, so zeigte die Erfahrung, dass eine wirksame Zusammenarbeit nur erfolgreich war, so denn das Knowhow der „Zielgruppen“ einbezogen wurde, das Lernen und Beraten wechselseitig geschah. Ein Austausch auf Augenhöhe.

Aus der Zeit zwischen 2000 und 2010 seien zwei Ereignisse hervorgehoben. 2002 beteiligte sich der DED am Sonderprogramm der Bundesregierung für den Wiederaufbau Afghanistans. Erwähnenswert, dass er aufgrund seiner positiven Vorgeschichte zwischen 1971 und 1979 zumindest am Anfang mit offenen Armen empfangen wurde. Das änderte sich in dem Maße, wie die Bundeswehr in Kampfhandlungen hineingezogen wurde und die Bevölkerung begann, den DED mit dem Militär gleichzusetzen.

Eine jugendpolitisch wichtige Entscheidung traf die Bundesregierung/das BMZ 2007 mit der Beauftragung des DED, das Sekretariat für die administrativ-finanzielle Abwicklung des Freiwilligendienstes „weltwärts“ , heute bei Engagement Global, aufzubauen. Der DED beteiligte sich als größte Entsendeorganisation an dem neuen, sehr beliebten Förderprogramm für junge Erwachsene. Im Gegensatz zum DED verlangt „weltwärts“ keine abgeschlossene Berufsausbildung. Von seinem Geschäftsführer vorangetrieben, wurde der DED dem Anschein und Anspruch nach der GTZ immer ähnlicher.

Kurz vor Abschaltung der DED-Homepage lesen wir am 12.01.2011: „Der DED ist in 48 Ländern tätig. 2009 hatte der DED fast 3.000 Mitarbeiter, rund 2.600 sind im Ausland tätig. Seit seiner Gründung haben sich rund 16.000 EH dafür eingesetzt, die Lebensbedingungen von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern.“

Letzter GIZ-Vorstand mit Minister Foto: GIZ

2010 war es soweit: Das BMZ lud ein zum „großen Vereinigungsfest“. Vereinigt wurden die GTZ, der DED und die InWEnt zur deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ. Für die GTZ änderte die Fusion so gut wie nichts, für den DED und InWEnt alles.

Der neue Vorstand bestand ausschließlich aus Männern.[3] Bemerkenswert, wie wenig Protest es gegen die Fusion gab.

Nur der ded-freundeskreis hielt die Fusion für einen „schwerwiegenden Fehler, dass der einzige deutsche staatliche Entwicklungsdienst aufgelöst wurde.

In der GIZ sei die DED-Zielsetzung des partnerschaftlichen Lernens und Helfens verschwunden.“ Der ded-freundeskreis sprach von einer „feindlichen Übernahme“ (entnommen aus „Aufruf zur Gründung eines neuen Entwicklungsdienstes“ https://www.ded-freundeskreis.de. Mit all seinen Dokumenten wurde der DED 2011 nach Koblenz ins Bundesarchiv verfrachtet und verschwand somit gänzlich und unerreichbar von der Bildfläche.

Großes Begegnungsfest am Werbellinsee Foto: Werner Würtel

Doch in den Herzen vieler ehemaliger EH und DED-Mitarbeiter:innen lebt der DED und seine Idee fort. Das zeigte sich in dem großen selbstorganisierten Begegnungsfest im Mai 2013 anlässlich des 50. Gründungsjahres am Werbellinsee.

Über 730 Erwachsene und 40 Kinder folgten der Einladung. Bemerkenswert hoch war der Anteil an EH der ersten Dekaden.

Für die meisten war die Zeit mit dem DED als junge Menschen lebensprägend.

Der DED und Kladow

Der DED bereitete in Berlin nicht nur seine Fachkräfte auf den Auslandsaufenthalt vor, sondern ebenso die mitausreisenden Ehepartner:innen und Kinder. Ältere Kladower:innen erinnern sich noch an den DED am Kladower Damm 299:

Der DED war für Kladow und Spandau ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, s. Einkäufe bei Bolle, Apotheken, Outdoor-Geschäften etc.

Schulklassen besuchten den DED und wurden spielerisch mit Sachverhalten der sog. Dritten Welt konfrontiert (vgl. Beitrag Renate Wenzel)
Kladower:innen nahmen an Veranstaltungen des DED teil (vgl. Teil 1)

Der Saal H 100 war Wahllokal

Er bot Raum für Eigentümerversammlungen

Mitarbeiter:innen des DED beteiligten sich aktiv an der Gründung des Kladower Forums 1985

und wurden in politischen Parteien aktiv (vgl. Gründung der Zeitschrift Imchen) etc.

Und: Verschiedene Bundespräsidenten und alle BMZ-Minister besuchten zwischen 1978 und 1999 den DED in Kladow, zudem Staatsgäste und DED-Kooperations-Partner:innen aus aller Welt. Sie alle verliehen Kladow einen Hauch großer Politik und Internationalität. Nach Jahren des Leerstands aufgrund der Asbestverbauung fand sich schließlich doch ein Investor. Die erst 33 Jahre alten Gebäude wurden abgerissen. „Rehsprungterrassen“ versprachen nun „ein innovatives und ökologisches Wohnen“. [4]

Was blieb vom DED in Kladow und anderswo?

Dort wo sich der „legendäre DED“, so der Berliner Tagesspiegel, einmal befand, finden wir heute einen nach der Schlagersängerin Manuela benannten Weg („Schuld war nur der Bossa Nova“). Brasilien gehörte zu den ersten DED-Gastländern 1965.

Im benachbarten Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe liest man auf einer Stele, dass Hermann Göring und Adolf Hitler 1935 dort die Ausbildungsstätte der Luftwaffe eingeweiht hatten. „Ihren ersten Kampfeinsatz hatten einige Absolventen in der Legion Condor, die im spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 an der Seite Francos gegen die gewählte Volksfrontregierung kämpften.“ An den DED als positives Gegenbeispiel erinnert dagegen nichts, aber auch gar nichts.
Der ded-Freundeskreis setzte sich 2017 zum Ziel, am Kladower Damm 299 eine Tafel zur Erinnerung an den einst größten europäischen Entwicklungsdienst und seine Zeit in Kladow anzubringen. Erinnern sollte sie

an eine Organisation, die über die Jahre hinweg Tausende engagierter Menschen anzog, um ohne ein großes Expertengehalt aus solidarischen Motiven heraus im sog. Globalen Süden tätig zu werden,

um Sozialbenachteiligte in armen Ländern bei ihrem Kampf um bessere Lebensbedingungen zu unterstützen – über Projekte zur beruflichen Qualifizierung, zu solidarischem Wirtschaften, zum Umweltschutz, zur Gesundheitsprävention und zur Gemeinwesenarbeit, zur agrarökologischen Entwicklung,

an einen DED, dem auch immer viel an seiner Inlandsarbeit lag, d.h. am Einsatz zurückgekehrter EH in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. [5]

Einweihung der Erinnerungstafel, unten: Bezirksbürgermeisterin Carola Brückner & Werner Würtele, darüber von links: Werner Würtele, Günter Könsgen und Vorstand des ded-freundeskreis Adi Eberhardt Fotos: Uli Buchholz

Link Erinnerungstafel

Das Kladower Forum erinnerte in seiner Festschrift zu „750 Jahre Kladow“ mit einem detailreichen Beitrag der Lehrerin Renate Wenzel „Rehsprungterrassen statt DED“ an den DED. Eine Ergänzung erfolgte in den Treffpunkten im Sommer 2017 durch den Autor. Die Idee einer Erinnerungstafel stieß bereits 2017 auf eine breite Zustimmung der SPD-Abteilung für Gatow Kladow, über den Bezirksbürgermeister bis hin zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV), die die Errichtung der Tafel am 3.5.2018 einstimmig beschloss. Es dauerte dann aber doch. Im Dezember 2021 schließlich konnte der ded-freundeskreis zusammen mit der Bezirksbürgermeisterin Carola Brückner die Tafel enthüllen. Die Tafel „soll Anstoß zum Nachdenken geben, was wir alle für eine bessere Welt tun können“, so die Bezirksbürgermeisterin. [5] Auch die Presse und die Berliner Abendschau waren zugegen. Die Tafel ist die Einzige im Bundesgebiet, die an den DED erinnert. Wie ein Stolperstein stemmt sich die Erinnerungstafel dem Vergessen des DED entgegen. Gelesen werden kann sie spontan von auf den Bus wartenden Menschen oder gezielt z.B. von ehem. EH und Angehörigen, die nach Kladow zurückkehren (weißt Du noch?). Auch in Dorfgeschichtliche Wanderungen des Kladower Forums zwischen Havelhöhe, Gutshaus Neukladow und Finnenhaussiedlung, kann die Tafel eingebaut werden.

So könnte es sein, dass der DED zumindest in Kladow in Erinnerung bleibt.

Erinnerung an den
Deutschen Entwicklungsdienst (DED)
Von hier starteten über 10.000
Entwicklungshelferinnen und -helfer,
engagiert für eine sozial gerechte,
ökologisch intakte und friedliche Welt
in Partnerländern Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas.

Darauf folgt eine knappe Chronologie des DED.

Mehr Infos finden Sie unter: www.ded-freundeskreis.de

2013 waren wir zutiefst überrascht, wie viele Ehemalige das Fest „DED fast 50“ anzog. Damals fanden sich noch Stimmen, die den DED wiederbeleben wollten. Heute sind solche Stimmen verstummt. Selbst die Befassung mit der Geschichte des DED wird von manchen als rückwärts-gewandt gesehen – sogar im ded-freundeskreis. Am 24. Juni 2023 wäre der DED 60 geworden. Für ein so großes Fest wie zehn Jahre zuvor fehlte es im ded-freundeskreis an Energie (und Interesse).

So wurde im Zusammenhang mit der Jahresmitgliederversammlung am 28. Oktober 2023 eine Veranstaltung in Bonn zusammen mit Bildung trifft Entwicklung von Engagement Global mit dem Thema geplant und durchgeführt, welche Lehren wir aus der Geschichte des DED für die gegenwärtige und zukünftige personelle Entwicklungszusammenarbeit ziehen können. Keynote Speaker Prof. Dr. Theo Rauch, Afrika- und Entwicklungsexperte, zog eine positive Bilanz. Er hob hervor, wie wichtig die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Zielgruppen und der Einbezug ihrer Kenntnisse für eine wirksame Entwicklungspolitik ist.

Prof. Dr. Theo Rauch zum Thema: „60 Jahre DED – 20 Jahre Bildung trifft auf Entwicklung“ Foto: Werner Würtele

Der DED ist tot, seine Idee lebt.

Haben Sie den DED noch in Erinnerung? Haben Sie Anmerkungen zu dem Artikel? Dann würde ich mich sehr freuen, wenn Sie diese an meine E-Mail-Adresse senden würden: wwuert@t-online.de Dr. Werner Würtele

Der Autor war über 30 Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, davon 21 Jahre beim DED als Landesdirektor in Brasilien, Regionalvorbereitungsreferent für Lateinamerika und Pädagogischer Leiter, Betriebsratsvorsitzender. Er engagiert sich unter anderem für den ded-freundeskreis und im Lateinamerika-Forum Berlin e.V.. Mit einer neunjährigen Unterbrechung wohnt er seit 1985 in Kladow.

[1] Teil 1 (in Treffpunkten Winter 2023) und dieser Teil 2 basieren auf der offiziellen DED/ GIZ-Chronik, inzwischen aus dem Internet entfernt, ergänzt durch Dokumente der Zeit und persönlichen Erinnerungen. Eine längere Version können Sie auf der website des ded-freundeskreis.de lesen.

[2] 2002 wurden die Deutsche Stiftung für Entwicklung (DSE) und die Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) zur Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (InWEnt) fusioniert. Damit wurde die DED-Vorbereitung für knapp zehn Jahre zu einem Teil von InWEnt.

[3] In der Zwischenzeit hat sich der Frauenanteil durch eine gezielte Frauenförderungspolitik im BMZ und den sog. Vorfeldorganisationen erheblich erhöht.

[4] https://christburk.com/property/rehsprungterrassen/

[5] https://www.ded-freundeskreis.de/?Geschichte_und_Geschichten___Erinnerungstafel


© Kladower Forum e.V.     ___

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