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Herbst 2024 Seite 61
Tanja Becker
Der Rhythmus des Lebens
Christian Schmidt
Auf meine Frage, in wie vielen Bands und Combos Tanja aktuell spielt, muss sie erstmal nachdenken. „Tja, also in der Imchen-Combo, den Walkabees, Venus Brass, den Brass Girls, D’son, Seven4Mambo, in einer kolumbianischen Band…und dann noch bei Les Colorés, die machen karibischen Jazz mit Einflüssen aus Martinique.“ Nur mit einem guten Organizer lässt sich diese Vielfalt an Musik und Menschen unter einen Hut bringen. Umso erfreulicher, dass Tanja Becker Zeit gefunden hat, um über ihr „wildes Leben“, wie Tanja es nennt, zu berichten und Erinnerungen aufleben zu lassen.
Dieses Leben hat mit einer Überraschung angefangen. Genauer gesagt war sie die Überraschung. Die Mutter erwartete lediglich ein Kind, stattdessen waren es zwei, die unerwarteterweise und Wochen zu früh zur Welt kamen. Damals wurden Zwillinge noch getrennt und so kamen Nicole und Tanja als Frühchen in den Brutkasten, wo sich Tanja ihr charakteristisches heiseres Timbre erschrie. In Musikerkreisen ist sie bekannt als “die Stimme“. Nach drei Monaten kamen die Zwillinge nach Hause. Zuhause – das war bei Familie Becker in Heidelberg. Der Name war Programm: Ihr Vater war Bäcker Becker im Heidelberger Stadtteil Kirchheim, von seinen Einwohnern liebevoll “Kerche” genannt. Vater Reinhard hatte das Zeug zum Pianisten, spielte mit viel Talent klassisches Klavier. Und hätte daraus gerne seinen Beruf gemacht, entschied sich aber den Eltern zuliebe, die Bäckerei zu übernehmen. Die Musik blieb ein wichtiger Teil des Familienlebens. Bäcker Reinhard förderte alle vier Kinder musikalisch mit Klavierunterricht, Hausmusik, Gitarrenspiel und Gesang. Der älteste Bruder Rainer verwirklichte den Traum des Vaters, wurde Pianist und erhielt mit 29 Jahren eine Professur in Berlin, Schwester Ute wurde später Professorin für Gesang. Als die Zwillinge sechs Jahre alt waren, zog die ältere Schwester nach Berlin. “Das war für uns ganz schrecklich” sagt Tanja, “sie war unsere Ersatzmama” und hat sich um die beiden gekümmert, wenn die Eltern in der Bäckerei arbeiteten. Tanja erinnert sich: Mit zehn Jahren durften die Zwillinge ihre Schwester in Berlin besuchen. Ganz allein flogen sie mit PAN AM in die geteilte Stadt. Das war Abenteuer pur für die beiden kleinen Mädchen, zusammen mit Ute und dem Sound von Earth, Wind & Fire die Großstadt zu erkunden.
Zur gleichen Zeit übernahm Ulrich Fischer, ein neuer, energiegeladener Pfarrer, den ev. Religionsunterricht. Der spätere Bischof von Baden-Württemberg baute den alten Posaunenchor wieder auf und suchte Nachwuchs. Die Zwillinge Tanja und Nicole ließen sich von der Energie anstecken und machten mit. Anfangs spielten sie Tenorhörner, später Posaunen und blieben dem Chor über 10 Jahre treu. In der Schule, im Dorf und rund um die Bäckerei gab es immer wieder Gelegenheiten, bei denen die Mädchen mit ihrem Vater auftraten. Ihre erste Big Band fanden sie im Hallenbad. Fünfzehn junge Männer in Badehosen spielten ein Konzert im Wasser. Die Schwestern waren hellauf begeistert und Nicole sprach den Leiter an. So kamen sie zum „Heidelberger Pressluftorchester“, welches ihnen ihre erste Musikreise nach Athen ermöglichte.
Als Headquarter der amerikanischen Streitkräfte hatte Heidelberg viele „Ami-Clubs“. Schwarze Funk- und Soulmusik lag in der Luft. So fand Tanja zu einer Soulband, für die sie auch die Plakate gestaltete.
Beruflich folgte sie zunächst diesem zweiten Talent – dem Zeichnen. Nach einer Ausbildung zur Schaufensterdekorateurin und dem Fachabitur mit Schwerpunkt Grafik zog sie 1992 für ein Design-Studium nach Heiligendamm in den aufregenden Osten. Letztendlich entschied sie sich für die Musik. Nach einem Jahr startete sie 1993 einen Neuanfang bei ihrer Schwester in Berlin. Dort griff sie eine alte Leidenschaft auf, die sie schon seit ihrer Kindheit pflegte: afrikanisches Trommeln. Zum ersten Mal hatte sie die Gelegenheit, Trommelkurse zu besuchen und Kontakt zu afrikanischen Musikern aufzunehmen: Sie spielte mit etlichen senegalesischen Musikern und stieg tief in diese Musik ein. 1995 wurde sie für ein Studium der „Tanz- und Unterhaltungsmusik“ an der HfM Hanns Eisler angenommen. Auch brachte sie ihre Leidenschaft für afrikanische und lateinamerikanische Musik ein. Für ihre Diplomarbeit führte sie Grundlagenforschung zu Mbalax durch, einer senegalesischen Popmusik. Damals war diese Stilrichtung in Mitteleuropa nahezu unbekannt. Sie stieg begeistert in die Grundlagenforschung ein und verbrachte viele Stunden im Archiv des Völkerkundemuseums, um Musikkassetten aus Afrika zu hören und zu überspielen.
1996 traf Tanja im lebhaften Nachwende-Berlin auf einer der vielen Partys Undine. Sie teilten sofort ihre Liebe zur westafrikanischen Musik und beschlossen, eine Band für senegalesische Musik zu gründen. Tanja vertiefte sich auch im Studium immer mehr in die Musik Gambias und des Senegals. Begeistert erzählt sie von ihrer Studienreise 1999/2000 in die beiden Länder. Nachdem die Band, die mitkommen sollte, absprang, flog sie allein, nur mit einem Koffer, einer Posaune und vielen Adressen. Also ein echtes Abenteuer, wie nur Tanja es sich traut – aber eins, das sich gelohnt hat. Noch heute ist der Klang von Dakar in ihren Ohren lebendig. Dort war die Musik allgegenwärtig. Mit leuchtenden Augen zeigt sie ihre Sabar – eine mit Ziegenfell bespannte Trommel, die traditionell sehr schnell mit Stock und Hand gespielt wird. Mit der Reise erfüllte sich ein alter Kindheitstraum von ihr: in Afrika mit einheimischen Musikern zu musizieren. Bereits als Kind malte sie Bilder von trommelnden Afrikanern.
Jahre später bereiste sie auch Nigeria, wo sie die Töpfertradition und den Ursprung der kubanischen Musik, die Bata, kennenlernte. 2004 hatte sie mit Berlin abgeschlossen und sich bereits von allen Freunden mit einer großen Party verabschiedet. „Eigentlich mag ich keine Großstadt“. Berlin war ihr zu rau, sie wollte zurück nach Kirchheim. Aber Leben ist das was passiert, während du andere Pläne machst, wie John Lennon bemerkte. Tanja lernte Steffen, den Vater ihrer späteren Kinder, kennen. Nach zwei Jahren kam Sohn Emil auf die Welt, später gesellte sich Tochter Lucia dazu. Ab 2005 spielte Tanja mit der „Damen-Marching-Band“ Venus Brass, einer berufsmäßigen Combo, die deutschlandweit sehr viel unterwegs war. Das brachte ihr ein regelmäßiges Einkommen.Während der vielen Konzertreisen hielt ihr Steffen den Rücken frei und kümmerte sich um die Kinder.
Während eines Krankenbesuchs in der Rehaklinik Havelhöhe verliebte sie sich in Gatow und Kladow. Steffen und sie ließen sich in Hohengatow nieder. Im Jahr 2009 zogen sie dann in einen Altbau im Ortsteil Kladow. Dort ist sie musikalisch von Burkhard Weituschat mit offenen Armen empfangen worden. Sie haben gemeinsam in den legendären Küchen-Sessions in seinem Haus viel Musik gemacht. Burkhard hat auch den Kontakt zur Imchen-Combo hergestellt, deren Leitung sie später übernommen hat. Eine ganze Band zu steuern, war eine große Herausforderung für sie, die sie langfristig erfolgreich gemeistert hat.
Ich habe Tanja – wie sicherlich viele LeserInnen – in unterschiedlichsten Rollen kennengelernt. Als Bandleaderin der Imchen-Combo, als Posaunen-Lehrerin meines Sohns bei der HavArt, als ausgelassene Jazzerin im Kladower Hof – und als Musikerin in „meiner“ Lesung. Ihr Ideenreichtum und ihr positiver Spirit sind immer wieder eine Bereicherung. Das zufriedene Publikum bekommt dabei nicht mit, wie eng sie getaktet ist. Ein Auftritt jagt den nächsten. Mit den Worten „Es ist so viel los.“ erscheint sie pünktlich zum Folgetermin, immer mit ihrer Posaune in der einen und ihrem blauen Koffer in der anderen Hand. Darin lagern neben den Noten das aktuelle Kostüm, das Blues-Outfit, die Marching Uniform oder das Salsa-Kleid.
Während andere nach dem Auftritt gemütlich zusammenpacken, verabschiedet sie sich mit den Worten „Ich muss noch zu einer Mucke in Friedrichshain“ und düst mit ihrem Kleinwagen weiter in die Innenstadt.
Oder nach Brandenburg. Oder ganz woanders hin, wenn plötzlich das Telefon klingelt, weil jemand krank geworden ist. Unterwegs werden noch Musiker, Instrumente oder Requisiten ein- oder ausgeladen, sowie an einer roten Ampel Tonarten und Setlists besprochen. Wenn Tanja dann auf der Bühne steht, merkt man ihr den vorherigen Stress nicht an. Die Töne perlen und sie ist ganz bei sich im Takt der Musik. Eine echte Profimusikerin.
Unser Gespräch in ihrer Wohnung an ihrem alten Küchentisch ist zu Ende. Es ist spät geworden. Tanja scheint selbst erstaunt, was sie alles erlebt hat. Melodien, Rhythmen und Erinnerungen hallen nach.
Dabei blieb ein musikalischer Wunsch unerfüllt. Ihr Traum bleibt „nach Martinique zu fliegen und dort Musik zu machen.“ Denn in Berlin gibt es (fast) alles, nur keine martiniquaise Musikszene. Nur eines von vielen Projekten, die darauf warten, von Tanja erkundet zu werden.
Wer Tanja zum ersten Mal oder wieder sehen möchte, hat dazu Gelegenheit am:
25.08.24 mit Les Colorés Alafia – Festival Hamburg: https://www.facebook.com/lescolores/, https://www.alafia.de/programmalafia-afrikafest-hamburg/index.html
30.08.24 mit Les Colorés Kenako – Afrikafest, Alexanderplatz 15-16 Uhr
31.08.24 mit Seven 4 Mambo 16 Uhr Musikpavillon Leipzig (Salsa – Mambo), https://www.seven4mambo.com/
01.09.24 mit Rag Doll im Jagdschloss Grunewald, http://www.ragdollmusic.de/
01.10.24 bei der Musikalischen Lesung „Zuflucht“ in der Stadtteilbibliothek Kladow.
31.10.24 mit Rag Doll, 18 Uhr, Goerzwerk Zehlendorf.
