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Winter 2024 Seite 26
Vom Kinderparadies zum Kieztreff
Jutta Neumann: Enten, Pferde, Bleistiftminen
Ulrike Steinweh
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Jutta und Joachim Neumann sitzen in ihrem schönen Wintergarten und erzählen. Mal er, mal sie, gelegentlich ein kleines Wort-Scharmützel. Und Jutta lacht und lacht, wenn sie erzählt von ihren Streichen, von den Scherzartikeln in ihrem Laden. 33 Jahre war Juttas Schreibwarengeschäft ein Treffpunkt für Groß und Klein. Das ging natürlich alles nur mit Joachim. Handwerklich geschickt mit Freude am Dekorieren, ein Kinderfreund wie sie, voller Ideen wie sie, ein tolles Gespann. Er kommt aus Hohengatow. Da war nichts außer der Badewiese… Sein einziges Vergnügen, in der großen Garage am Auto zu basteln. „Da kam immer eine freche Reitergruppe vorbei“. Mehr davon später.
Jutta kommt aus Schlesien, aus Breslau, ihre Mutter ist mit drei Kindern auf dem letzten Güterwagen nach Berlin geflüchtet. Sie hatten Glück, bekamen ihre alte Wohnung wieder, am Charlottenburger Schloss.
Sie: „Als Kind war ich immer sehr aufgeweckt, hab mich für alles interessiert, war immer der Anführer.“ Erwachsen, ist sie „mindestens 10x umgezogen. Neu verliebt, zusammengezogen, merkte, es war doch nicht der Richtige, musste man seine Wäsche nehmen, Socken und Schallplatten und was man so hatte und sich wieder was Neues suchen.“ Nach Kladow kam sie der Pferde wegen. Mehr davon später.
Vom Kindergeburtstag zum Schreibwarenladen
Am Anfang war Cindy, das Shetlandpony. Zwei Kinder hatten die Neumanns, sieben kamen aus der Nachbarschaft. Es gab eine Kutsche für das Pony, Hasen gab es und Meerschweinchen, ein Baumhaus, sogar ein Zelt auf der Garage. „Unser Garten war immer offen, die Kinder haben ihre Freunde mitgebracht, sie durften alles spielen.“
Ein Kinderparadies
Der lief, der lief blendend. Jutta Neumann liebte es, Quatsch zu machen, und die Kunden liebten es auch. Sie scherzte, heiterte auf, sie tröstete. Juttas Laden war Kieztreff und natürlich bekam sie den Preis der Kiezheldin. Vor dem Preis kam die Arbeit. „Meine arme Jutta musste das alles lernen, denn Schreibwaren sind ja sehr umfangreich, allein diese 1.000 Minen, jeder Stift hat eine andere Mine gehabt. Die Tiere mussten verpflegt, die Familie betreut werden, es war schon viel Arbeit für Jutta.“ Nach und nach kamen sie auf über 25.000 Artikel. Aber Jutta war froh über „was Eigenes“ und der berufstätige Ehemann half begeistert mit. Im ersten Jahr, 1986, zog Jutta Neumann mit Bauchladen zum Imchenfest. Eine Attraktion. Im nächsten Jahr kam sie mit Bollerwagen, den hatte Joachim mit Süßigkeiten ausgeschmückt. Sie machten Werbung überall, mit Flyern auf ihrem Pony, beim Weihnachtsmarkt, beim Sommerfest vom Sportverein.
„Wir waren richtig wie so´n kleines Kaufhaus“ Er: „Das Schulheft mit Hilfslinien hat hier niemand gehabt in Kladow. Aber wir hatten das. Wir hatten wirklich alles und was wir nicht hatten, haben wir unheimlich schnell besorgt.“ Umschläge in jeder Farbe, Schulmappen, Turnbeutel, Füller von Lamy, Montblanc, Patronen dazu, Stifte von Schwan Stabilo, von Faber Castell. „Keine Aldi Ware, kein Lidl und Netto, sondern richtig gut.“ Sie hatten die schrägsten Scherzartikel und sie hatten eine Süßigkeitenbar, mit Schlümpfen, Fröschen, Colaschlangen. Ihre bunten Tüten waren berühmt, die Kinder standen Schlange. Er: „Jutta, ich will eine bunte Tüte haben für 35 Cent. Sie: “Steht das Kind davor und überlegt die ganze Zeit. Dahinter eine lange Schlange von anderen Kindern, die wollten auch noch rankommen. ‚Bist du eingeschlafen hier?‘“
Es blieben genug. Ein Renner waren die durchsichtigen Ballons, gefüllt mit allem, was die Kunden so wollten. Einen Strampler zur Geburt, Plüschtiere zum Geburtstag, der Autoschlüssel zum Abitur, ein Hochzeitsring, Gutscheine für Schiffskarten, Theaterkarten, sogar für eine Ballonfahrt.
Die wilde Reiterin
In Kladow stand noch das Gutshaus der Familie Kutschera, Besitzer des eleganten Café Wien am Kurfürstendamm 28. Ihr Grundstück reichte von der Sacrower Landstraße bis zur Havel, mit zahlreichen Gewächshäusern, Obstbäumen, Himbeersträuchern, Ställen für die Pferde. Sie: „Jeden Tag haben die Köche und die von der Bäckerei Obst abgeholt, Riesenhimbeeren, Waldbeeren, Pflaumen, Äpfel, Birnen.“ Bis in die 70er Jahre hat Jutta Neumann das miterlebt. Sie war nämlich eine begeisterte Reiterin. War sie mit ihrer Arbeit bei der Sparkasse der Stadt Berlin fertig, ging‘s ab nach Kladow zu den Reitställen. Jutta blieb dort nicht unbemerkt: „Da musste mal gucken, da sind ja tolle Reiterinnen. Und eine, die reitet wie der Teufel, die fährt ne grüne Ente, die kommt da angeflattert auf den Pferdehof und dann saust sie um die Ecke rum, steht da halbschief.“
Der 2CV, die Ente war damals Kult. Und eine so forsche Frau musste natürlich Ente fahren. Joachim guckte über den Himbeerzaun, sah „Pferde-Jutta“, ging dem Rittmeister zur Hand und durfte als einziger bei den Mädchen mitreiten. Sie ritten zusammen über die Rieselfelder, sie tanzten zusammen auf dem Reiterball, sie heirateten. Jutta ritt einen Araber, Joachim einen Westfalen. „Wenn ich durch den Wald reite, das Laub ist so schön, bin ich wie neu geboren. Unsre Kinder sind ja auch mitgeritten. Wenn die ganze Familie reitet, ist es toll.“ Sie war eine unerschrockene Reiterin. Und hatte einige schwere Stürze.
Überleben – Das Schiffsunglück der Costa Concordia
Sie sehen sich erstmal um, in der Oper, im Theater, im KaDeWe, wo sind die Fluchtwege, wie kommen wir raus. Auf dem Schiff, wo sind die Schwimmwesten, die Rettungsboote. Im Januar 2012 waren sie auf der Costa Concordia. Als es einen großen Knall gab, das Schiff sich plötzlich zur Seite neigte, reagierten Jutta und Joachim erstaunlich schnell. Trotz des Schocks, des Aufruhrs, ihrer Angst. Sie schafften es auf ein Rettungsboot, sie überlebten. Zurück in Berlin redeten sie. Das war der Rat einer Psychologin. Reden über das traumatische Erlebnis, reden über den verlogenen Kapitän „der hat sich aus dem Staub gemacht.“
Und alle wollten sie hören, die Berliner Zeitungen, der Spiegel, der RBB. „Da haben wir uns irgendwie frei geredet. Und im Laden hat jeder gefragt, das ging über Monate. Aber Kreuzfahrten haben wir nicht mehr gemacht.“
Zugemacht und weiter geht‘s
2019 war Schluss. Keine Süßigkeiten mehr, keine Scherzartikel, keine Grußkarten, keine Kugelschreiber, keine Kiezgröße mehr. Ein großer Verlust, von vielen betrauert. Der Tagesspiegel schrieb von „einem legendären Laden.“ Aber es war der richtige Moment, das Internet verdarb das Geschäft. Sie fassten neue Pläne. „Wir schaffen uns ein Wohnmobil an, fahren durch die Welt. Aber dann kam Corona.“
Jetzt reisen sie wieder. Unternehmungslustig, lebenslustig. Ein tolles Gespann.
