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Winter 2024 Seite 52
Ole Jensen zum 100. Geburtstag
Interview
Marina Bartsch-Rüdiger
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Ole Jensen zum 100. Geburtstag
Volles Haus zur Ausstellungseröffnung des Berliner Karikaturisten, Malers und Dichters Ole Jensen (1924 – 1977). Offensichtlich war er nicht nur zu Lebzeiten einer der bekanntesten Berliner, sondern auch heute noch erinnern sich viele, wie sie samstags vor dem Fernseher gesessen und mit der Familie geraten haben, wer wohl diesmal der „Kopf der Woche“ in der Berliner Abendschau sein würde! Und so gab es bei der Vernissage mit seiner Tochter Nora, die die Ausstellung zusammengestellt hat, jede Menge Gesprächsstoff über die vielen Porträts. Ole Jensen hatte unglaubliches Geschick, in schnellen Strichen und unterschiedlichen Stilen das Charakteristische der Personen herauszuholen. Weniger bekannt sind seine Gedichte, die viele Jahre verschollen waren. Aus Anlass seines 100. Geburtstages hatte Schauspielerin und Autorin Nora Jensen die gewitzten Texte an zwei Abenden vorgestellt. Dabei ist dieses Interview entstanden.
MBR (Marina Bartsch-Rüdiger): Wie bist Du auf die Idee für diese Ausstellung gekommen?
NJ (Nora Jensen): Ich habe schon Jahre überlegt, zum 100. Geburtstag muss ich ein Buch über meinen Vater fertig haben. Und erst mal habe ich natürlich festgestellt, dass es damals – als er lebte – das Internet nicht gegeben hat.
Es gab all diese ganzen Dinge wie Social Media nicht, was heute für alle das Normalste auf der Welt ist, und zwar jede Sekunde! Da habe ich festgestellt, dass so viele Leute ihn gar nicht auf dem Schirm haben. Und das hat natürlich damit zu tun, dass wir – die Familie – uns nicht ums Erbe gekümmert haben, was seine Kunst angeht. Ich fand das einfach nicht richtig. Nicht weil er mein Vater ist, sondern weil er so ein unglaublicher Künstler ist. Und dann habe ich gedacht: Dann machst Du das, Frau Jensen! Mach es einfach! Mit seinen Gedichten habe ich schon vor 14 Jahren eine Lesung gehalten, da sind sie nämlich wieder aufgetaucht, nach 33 Jahren.
MBR: Warum waren die denn verschwunden?
NJ: Mein Vater gab zwei Jahre vor seinem Tod eine Lesung bei den Stachelschweinen. Das war die erste Lesung von den Gedichten. Danach waren sie weg! Aber bei dem Anwalt, mit dem er befreundet war – als der starb – tauchten die Gedichte wieder auf, und ich habe sie bekommen.
Dann habe ich meine Lesung daraus gemacht. Ich erinnere mich so genau an die Art, wie er sie vorgetragen hat. Allein, wie er sie schrieb, wie er überlegte, was kann er schreiben, was reimt sich? Das hat so einen Spaß gemacht. Ich fand’s einmalig. Und ich höre seine Stimme noch. Wie er das alles sprach.
Nora bei der Vernissage mit Bildern von Ole im Hintergrund
MBR: Was hast Du in der Vorbereitung Neues erfahren über Deinen Vater?
NR: Also, ich habe meinen Papa wahnsinnig geliebt und ich habe einfach noch mehr Seiten über die Jahre kennen gelernt, weil ich mich mit seiner Jugend auseinandersetzte, die ja im Krieg stattfand. Er hatte sich selbst ins Bein geschossen und kam ins Lazarett. Es war ein Zufall, dass er dort als 17-jähriger Unterschriften fälschen sollte und dadurch länger blieb und vielen Leuten das Leben gerettet hat. Aber es war wahrscheinlich nicht sein Ansinnen, sondern er wollte was zu Essen haben und musste nicht an die Front. Er wollte auf keinen Fall auf Menschen schießen. Die Generation hat so viel Grausames erlebt und hat es nie verarbeiten können – Therapien und sowas gab es nicht, das machte man nicht – was mir einfach mehr erklärte, wie mein Vater war: eine sehr komplexe Persönlichkeit. Ich lebe jetzt seit Monaten sehr eng mit ihm, was ich toll finde, und ich halte es auch für unglaublich gesund, sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen und natürlich auch mit seiner Kunst. Es war wahnsinnig viel Recherchearbeit. Ich bin einfach sehr akribisch und das war nicht ganz leicht, weil er schon so lange tot ist und alle Möglichen, die was wissen konnten, auch. Aber ich habe nicht aufgegeben und es hat funktioniert.
MBR: Ole Jensen hat ja in einer Zeit gearbeitet, in der es die ganze digitale Welt nicht gegeben hat. Heute ist sein Berufsfeld so sehr anders. Hast Du eine Idee, wie er das gefunden hätte?
NJ: Er war ein Handwerker. Vielleicht hätte er manche technischen Sachen ganz lustig gefunden, aber ich habe ihn nie als Technikfreak gesehen. Er war ein Arbeiter, er hat unheimlich viel trainiert. Er hat sich auch viele Köpfe, die er zeichnen sollte, von allen Seiten angeschaut. Er hat sie getroffen und skizziert von allen Seiten, auch von oben – ja, wirklich. Er hatte auch etwas sehr Schauspielmäßiges. Ich denke, er hätte Social Media ganz gut hinbekommen. Das wär‘ seins gewesen. Das glaube ich schon.
MBR: Das, was man KI abspricht, einen Menschen zu erfassen und Charakteristisches zu erkennen und kreativ herauszuholen – das konnte Dein Vater besonders gut.
NJ: Absolut. Ich denke auch, es ist eine Besonderheit, mit ein paar Strichen wirklich den Menschen zu erfassen, die Persönlichkeit – nicht nur einfach: Okay, ja, die Nase stimmt oder die Augen – dass man wirklich das Gefühl hat, man begreift den Menschen, das finde ich nach wie vor unfassbar. Es gibt Bilder, da stehe ich staunend davor: Wie hat er das gemacht und so schnell mitunter?
MBR: Was würdest du deinem Vater gern noch sagen, wenn es dazu Gelegenheit gäbe?
NJ: Oh, er hätte es nicht leicht mit mir, denn ich würde ihn für einige Sachen hart rannehmen, die nicht witzig waren und würde mich aber auf der anderen Seite wahnsinnig freuen, dass er da ist. Ich suche immer das Gespräch, egal, was gewesen ist. Das ist sehr wichtig, und ich würde ihn befragen zu einigen heftigen Dingen, auch was die Familie angeht, die Sicht auf Frauen und seine Alkoholsucht. Ich würde ihn zu einigem befragen, wo ich selbst sehr anders geartet bin.
MBR: Was gibt es noch zu sagen?
NJ: Es war eine sehr besondere Zusammenarbeit mit dem Kladower Forum, eine tolle Erfahrung und Wertschätzung. Und ich danke auch sehr Jessica und Mario Zeitz von e-dox Berlin für die großzügige Unterstützung der Druckarbeiten für die Ausstellung und für das Buch!
Es gibt bestimmt noch einige Künstler und Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind, die großartig waren. Und da kann ich allen, die Familienmitglieder sind, nur sagen: Kümmert euch um das künstlerische Erbe. Es ist doch was Tolles, etwas zu geben und zu inspirieren. Ich finde, das macht einfach das Leben bunter, schöner, lebenswerter.
Buch: Nora Jensen: Ole Jensen. Maler, Karikaturist und Dichter. Zum 100. Geburtstag
Der Künstler zwischen Malerei und Dichtung.
