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Sommer 2026 Seite 09

Slevogts „Cladowfresken“
Werkstatt Geschichte
Peter Streubel
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Liebe Leserin, lieber Leser, da ich mich diesmal nicht entschließen kann, welcher Variante einer möglichen Einleitung ich den Vorzug geben soll, stelle ich Ihnen hier meine drei Favoriten für Ihre Entscheidung zur Verfügung.

Variante 1: In der letzten Ausgabe der Treffpunkte war von einem Werk die Rede, das einige Jahre lang geplant worden war, von dem es Skizzen gab, von dessen Konstruktion und Bau 1935 in Zeitschriften berichtet wurde und nach dessen Bedeutung 1985 sogar das Bundesministerium für Forschung und Technologie befragt wurde, obwohl es niemals existiert hatte: das Kladower Windkraftwerk. Heute soll von einem Werk die Rede sein, das im Sommer 1911 geschaffen wurde, das einmalig war, das glücklicherweise an einen anderen Ort transportiert werden konnte, um es zu erhalten, und das dann doch vernichtet wurde, aber von dem wir uns heutzutage wenigstens noch ein Bild machen können: die Neukladower Wandmalereien.

Variante 2: „Cladow ist ein freundlicher Ort an der Havel, der eine gewisse Ruhe bewahrt hat, weil er nicht an der Bahn liegt. Das Dorf selbst ist in Kiefern und Sand vertrocknet. Aber weiter hinab erheben sich am Ufer eine Reihe wohlgenährter Villen, in denen die Großstadt aufatmet. Auch ein älteres Herrenhaus ist da, ein großer gelber Kasten mit Terrassen und Parks, in dem einst Bismarcks Mutter den Sommer zubrachte. Dann kaufte es Johannes Guthmann, der feine Kunstkenner und Dichter, ein reizender Mensch, der wohl wußte, welchen außergewöhnlichen Besitz er da zu verwalten hatte. Er ließ das Haus von Schultze-Naumburg modernisieren und übte eine große Gastlichkeit aus. Fast alle besseren Menschen von Berlin, besonders Künstler und Musiker, haben ihn einmal besucht. […] Es ist lange Zeit her, da hatte auch ich einmal das Glück, diesen seltenen Menschen und sein Haus kennen zu lernen. Er zeigte uns das alte große Haus, die Anlagen am Ufer, die Blumen, den Rasen, den Stall und ganz in der Nähe führt er uns in einen kleinen Pavillon, den Slevogt für ihn ausgemalt hatte.“ [1]

Bevor die dritte Einleitung vorgestellt werden kann, müssen leider noch zwei Aussagen richtiggestellt werden: Es handelt sich um eine oft wiederholte, aber rein zeitlich unwahrscheinliche Annahme, dass Bismarcks Mutter, 1789 geboren, in diesem Haus den Sommer verbracht hat, denn ihr Vater erhielt das heruntergekommene Haus 1799 als Geschenk für seine Verdienste, ließ es im Jahr 1800 komplett sanieren und umbauen, starb aber bereits im folgenden Jahr, noch bevor er das Haus dauerhaft bewohnen konnte, sodass die Familie sich gezwungen sah, den Besitz zu verkaufen. – Gut und Haus wurden nicht von Johannes, sondern 1887 von seinem Vater erworben, dem Berliner Bauunternehmer und Kalksandsteinfabrikanten Robert Guthmann, der seinem Sohn 1909 das Wohnrecht im Gutshaus zusprach.

Variante 3: „‘Mein lieber Doctor! Es ist Unrecht, daß Sie sich über den materiellen Teil unserer Beziehungen irgendwelche Gedanken gemacht haben‘“, […] schreibt Max Slevogt am 4. Oktober 1911 aus dem pfälzischen Godramstein an den acht Jahre jüngeren Kunsthistoriker, Schriftsteller und Kunstsammler Johannes Guthmann, dessen Auftrag zur Ausmalung eines Gartenpavillons im Gutspark zu Neu-Cladow er jüngst fertig gestellt hatte […]. Der erste Satz in der von Slevogt an Guthmann überlieferten Korrespondenz wirft dabei bereits ein Licht auf die besondere Beschaffenheit der Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Auftraggeber, die schon bald weit über ein rein geschäftliches Verhältnis hinausgehen sollte…“ [2]

Egal, welcher Variante der Einleitung der Vorzug gegeben wird, wir sind im Jahr 1911 auf dem Gut Neukladow angekommen. Johannes Guthmann, der über die „Die Landschaftsmalerei der toskanischen und umbrischen Kunst von Giotto bis Rafael“ promoviert und anschließend ein Volontariat an der Berliner Nationalgalerie unter Hugo von Tschudi absolviert hatte, strebte keine akademische Karriere an, sondern konnte es sich aufgrund seiner finanziellen Absicherung leisten, als Privatier zu leben und ab und an Bücher mit Erzählungen oder Gedichten zu veröffentlichen. [3]

Während seines Studiums in Berlin hatte er 1895 Joachim Zimmermann, der ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie stammte, kennengelernt, mit dem er eine lebenspartnerschaftliche Beziehung einging, sodass beide ganz selbstverständlich im Gutshaus lebten und bis zu Zimmermanns Tod im Jahr 1953 unzertrennlich blieben. [4]

Durch den im Elsengrund des Gutes gegenüber dem Denkmal für die Schwester Else aufgestellten Guthmannschen/Zimmermannschen Grabstein sind sie in der Erinnerung der Besucher, die ihre Beziehung kennen, auch heute noch auf dem Gut als Paar präsent.

Von dem Moment an, da feststand, dass Johannes Guthmann Neukladow als Wohnsitz nutzen konnte, schwebte ihm vor, Gutshaus und Park zu einem kulturgeprägten Ort zu entwickeln, an dem nicht nur ausgewählte Kunstwerke versammelt sein sollten, sondern der auch ein entspannter und anregender Treffpunkt für besondere Repräsentanten der lebendigen Kulturszene Berlins sein sollte. So waren bei Konzerten, Diskussions- und Tafelrunden u. a. zu Gast der Pianist Conrad Ansorge, die Schauspielerinnen Tilla Durieux und Lucie Höflich, der Zeichner und Grafiker Emil Orlik, der Galerist Paul Cassirer, der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der Theaterregisseur und Intendant Max Reinhardt, der Aufsichtsratsvorsitzende der AEG und spätere Außenminister Walther Rathenau sowie der Bildhauer August Gaul, dessen für den Gutspark geschaffene Skulptur „Eselreiter“ heute in der Eingangshalle des Spandauer Rathauses steht. [5]

Da Guthmann von Anfang an Freunde und Bekannte in seine Überlegungen zur Gestaltung des Gutes einbezog, ergab es sich, dass Johannes Sievers, Kunsthistoriker und damals Assistent am Berliner Kupferstichkabinett, den Vorschlag unterbreitete, einen Teil einer alten Scheune abzutrennen und in einen Gartenpavillon umzugestalten, der für ein Kunstprojekt genutzt werden könnte. Er empfahl zugleich, zu diesem Zweck mit Max Slevogt Verbindung aufzunehmen [6], obwohl der 1868 im niederbayerischen Landshut geborene und seit 1901 in Berlin lebende Maler bis zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Erfahrung mit Wandmalerei hatte, sondern neben Portraits vor allem durch Druckgrafiken, Buchillustrationen und Zeichnungen in Erscheinung getreten war.

Guthmann schildert in seinen 1955 unter dem Titel „Goldene Frucht. Begegnungen mit Menschen, Gärten und Häusern“ veröffentlichten Lebenserinnerungen, wie schwer sich der Maler mit der Annahme des Auftrags tat, der für ihn riskant war, da er künstlerisches Neuland bedeutete:

„Da fuhr das Auto vor: Max Slevogt stieg aus, klein aber gewichtig. Während die Pinsel, Eimer und Farben — es schien nicht allzuviel des Materials zu sein, wenn man die fraglichen drei Wände sich etwa in reale Quadratmeterzahlen übersetzte — während all das ausgepackt und an Ort und Stelle befördert wurde, wandelte ich mit dem illustren Gast, froh ihn nun wirklich dazuhaben, ein wenig auf und ab. Der Meister war liebenswürdig, aber sehr zurückhaltend. […] Kurz, nach wenigen Worten erklärte er mir in ‚vorzüglicher Hochachtung‘, daß er es sich noch einmal überlegt habe und mir den Auftrag zurückgeben müsse. […] Ich wurde erregt, ich drang auf ihn ein, ich wies auf die Pinsel und Eimer, Farbenbüchsen und alle Requisiten zum gedeihlichen Schaffen hin, die da in Prozession durch die Blumenwege zum Pavillon hinübergetragen wurden: Wenn man schon sein Handwerkszeug bereithalte, würden auch wohl die Gedanken im Kopf parat sein. SIevogt mußte schmunzeln, der Stein auf seinem bedrängten Herzen begann zu weichen. Er stand, wie sich später erweisen sollte, in jenem Augenblick an einem entscheidenden Wegweiser seiner Kunst. Hätte ich im ersten Schrecken ‚Wie schade!‘ ausgerufen und ‚Glückliche Heimfahrt nach Berlin!‘, er hätte es als einen deutlichen Wink des Schicksals aufgefaßt, sich nicht in abenteuerliche Experimente zu verlieren. Abergläubisch, wie er im tiefen, antikischen Sinne war, hätte er niemals den Pinsel gegen eine Wand gezückt.

So schritt er nun zum Pavillon hinüber, sah sich die Wände an und schwieg lange. Man spürte, wie er den Kontakt mit der Welt da draußen entgleiten ließ. Er zündete eine neue Zigarre an, das deutliche Zeichen, daß es ihm ernst wurde. Drei Zigarren, sagte er gelegentlich in halbem Scherz, rechne er für ein Bild durchschnittlicher Größe. […] Wieviel Zigarren er für Neu-Cladow vorgesehen haben mochte? Ein paar Hände voll? Es sind viele Kisten leer geworden…“[7]

Über die Mühen des Malens schreibt Guthmann:

„Ich hatte vorsichtshalber einen Malerpolier aus Berlin kommen lassen, damit er dem Professor in seinem improvisierten Atelier zur Hand sei. Im Nu hatte der umsichtige Mann ein Gerüst aufgeschlagen, wie es der statuarischen Wucht des Meisters angemessen war. Aber Slevogt betrat es, als ob er auf dem Seile tanzen solle. Und dann die Wand! Er wars gewohnt, mit Feder oder Aquarellpinsel auf irgendeinem Blatt Papier vor sich hin zu fabulieren, hier aber wars wie im ‚Sommernachtstraum‘. Er setzte den Pinsel an und wieder an, er drückte, aber die Wand nahm keine Farbe an, sie blieb ‚die Wand‘. Die Verblüffung wandelte sich in Ungeduld, in rabbia.

Doch als nach einigen Stunden sein Polier ‚Mittag‘ gebot, hatte er den Schabernack des Mauerputzes überlistet, und das Ding fing an, zu funkeln und zu erzählen. Und später gar die Deckenmalereien! Das war eine Not! Auf noch höher gestelztem Gerüst, den schweren Kopf hintübergebogen, die Farbe aus der Pinselspitze immer wieder in den Hemdsärmel fließend: ein Duell für einen Don Quichote, bei dem einem die Zigarre im Munde ausgehen konnte. Was hat Slevogt geseufzt, geflucht und am Ende – was halfs – mit uns gelacht!“ [8]

Eine relativ unscheinbare ca. 6 m breite und ca. 2 m tiefe Gartenhalle, die gerade geräumig genug war, um eine Zweisitzer-Bank, einen kleinen Tisch und zwei Stühle hineinzustellen, wurde also zu einem Kunstobjekt umgestaltet. Obwohl die Bildelemente der Rückwand und der Decke spielerisch-leicht anmuten, ist der Raum doch insgesamt malerisch klar strukturiert. Unten verbindet ein umlaufender schwarzer Sockel die Wände, den oberen Wandabschluss bildet ein schmaler umlaufender und im Kontrast zum Sockel heller Fries, auf dem sich verschiedene Tiere tummeln. Die Trennung der Bildabschnitte an den Wänden erfolgt durch aufgemalte Pfeiler. Auf den Seitenwänden sind die vier Elemente in Form von menschlichen Plastiken gestaltet: auf der rechten Seite Luft und Feuer, auf der linken Erde und Wasser. Im Mittelfeld der dreiteiligen Rückwand hat Slevogt mit dem Vogelbauer und nackten Kindern das seine Phantasie immer wieder beschäftigende Zauberflötenthema angeschlagen. Die Decke ist in acht Kassetten geteilt, in denen auf himmelblauem Hintergrund thematisch ganz unterschiedliche Motive auftauchen.

Aus veranschlagten wenigen Tagen waren aufgrund der zu gestaltenden großen Fläche und wegen der aufwändigen Maltechnik also Wochen, war sogar ein ganzer produktiver Sommer 1911 geworden. Und als alles zur Zufriedenheit vollbracht war und sich die Kunde von dem außerordentlichen Neukladower Kunstwerk in den Berliner Kulturkreisen verbreitete, bekam Johannes Guthmann auch einmalig Besuch von Menschen aus einer neuen Villa jenseits der Havel: Der Malerfürst Max Liebermann erschien mit Frau, Tochter und Dackel Männe, um das Werk in kritischen Augenschein zu nehmen. Es ist zwar nicht überliefert, wie sein Urteil ausfiel, aber es ist bekannt, dass er sehr darüber verärgert war, seinen Dackel, der sich selbständig gemacht hatte, auf dem weitläufigen Gutsgelände lange suchen zu müssen. Nur wenige Tage später stand Liebermann übrigens „auf einem Gerüst in der Gartenhalle der neuen Villa und malte in die Wandlünetten unterhalb der gewölbten Decke in seinen feinen blaugrau-gelblichen Tönen die ‚badenden Jungen‘ und das ‚steigende Pferd‘ und so eine Reihe der bewährten und beliebten Motive seiner Ölbilder und Pastelle.“ [9]

Das Ergebnis des monatelangen intensiven Austausches über Kunst und des geselligen Zusammenlebens war nicht nur ein außerordentliches Kunstwerk, sondern auch der Beginn und die Basis einer langanhaltenden Freundschaft, sodass Slevogt sehr häufig nach Kladow kam, zumal das weitläufige und abwechslungsreiche Gelände seiner schon früh entwickelten Neigung zur Landschaftsmalerei genug Motive für Gemälde bot, so z. B. den Blick in Richtung Havel über den prachtvollen Sommergarten mit dem rechterhand im Sonnenschein funkelnden Gartenpavillon. Auch wurde das gastfreundliche Paar bei diesen Besuchen auf Leinwand gebannt, wie das 1915 entstandene ungewöhnliche Doppelportrait von Joachim Zimmermann und Johannes Guthmann zeigt. Seit 1982 hing dieses Gemälde im Neukladower Gutshaus, bis es 1996 verkauft wurde, da die Arbeiterwohlfahrt in diesem Jahr ihre Tätigkeit auf dem Gutsareal, auf dem sie seit 1946 als Träger soziale Einrichtungen betrieben hatte, aus finanziellen Gründen einstellen musste. Höhepunkt der freundschaftlichen Verbindung zwischen dem Künstler und dem Kulturhistoriker war die gemeinsame sechswöchige Ägyptenreise von Slevogt, Guthmann, Zimmermann und dem Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs im Jahr 1914, bei der neben vielen Gemälden auch eine große Anzahl von Zeichnungen und Aquarellen entstand, die die Grundlage für das 1917 veröffentliche Buch „Bilder aus Ägypten“ bildeten, für das Johannes Guthmann die Texte verfasste. Auch in den Folgejahren beschäftigte sich Guthmann als Autor intensiv in einigen Büchern und Texten mit Slevogts künstlerischem Werk.

1921 endete das Leben im ländlichen Kladower Kulturparadies abrupt: Johannes Guthmann musste wegen familiärer Streitigkeiten, deren Hintergrund bis heute nicht klar ist, auf Anordnung seines Vaters das Gut verlassen und es an seine Stiefschwester Mary übergeben. Da Guthmann die kostbaren Wandmalereien in der Gartenhalle nicht nach Schreiberhau, dem neuen Refugium in Schlesien, mitnehmen konnte, bot er sie noch im gleichen Jahr Geheimrat Justi für die Berliner National-Galerie als Geschenk an, in der Hoffnung, dass sie so erhalten bleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnten. Aber: „Das anzunehmen, war nicht schwer; das Geschenk auch zu erhalten, um so schwerer“ [10], denn die mit der Bewahrung der Kunstwerke verbundenen Probleme waren so vielfältig und so kompliziert, dass es fast vier Jahre dauerte, bis Max Slevogt, der bereits Ende 1922 ungeduldig angefragt hatte, ob man etwas über die „Cladowfresken“ wisse, erst am 8. Januar 1924 an Johannes Guthmann schreiben konnte: „Lieber Doctor! übrigens erhalte ich eben als Abschluß des Jahres von Justi die Nachricht, daß d. Clad. Pavillon im Kronprinzenpalais angekommen ist. Er bittet, bei der Abnahme letzter Ausbildung möglichst dabei zu sein. Was wissen Sie davon u. kommen Sie ev. auch!?“ [11]

Welche Probleme dazu führten, dass der Zeitraum von der Schenkung bis zur Aufstellung im ehemaligen Kronprinzenpalais mehr als drei Jahre betrug, wird aus dem folgenden umfangreichen Zeitungsbericht nur ansatzweise deutlich:

„Das vieljährige Werk dieser Ueberführung und Neubefestigung der Wandbilder ist, nicht zuletzt mit Hilfe Slevogts selbst, aufs Beste gelungen. Bei dem Zustande der Gemälde war dieser Erfolg oft höchst zweifelhaft. Denn die Malereien […] hatten in den letzten Jahren schwer gelitten. Ohne die Sicherungen richtiger Fresko-Technik malte Slevogt seinerzeit mit dünnen Caseinfarben auf die Ziegelmauern über etwas Putz und schlechten Mörtel, so daß seine Phantasien nur wie Schmetterlingsstaub auf den Wänden saßen. […] In den letzten vier Jahren […] stand man immer wieder vor der Gefahr, auf dem Wege vom Wannsee bis herein nach Berlin schließlich nur einen Haufen Klamotten mit heruntergefallenen Scherben zu bekommen. Obendrein war in Cladow der Stall neben der Gartenhalle inzwischen mit Rennpferden besetzt worden, und der dort produzierte Ammoniak tat das Seinige, um die Malereien an der seinerzeit von Schultze-Naumburg nur notdürftig aus einer Scheune umgebauten Halle zu schädigen. Die Rettung ist dem Chemiker der Berliner Kunsthochschule, Prof. Huber, mit zu danken. Er fand ein kompliziertes Verfahren für die Malerei, die längst locker geworden worden war und Schimmel ansetzte, zu festigen, und mit Hilfe der Philipp Holzmann-A-G. gelang endlich die Uebertragung der Ziegelmauern auf gut federnden Wagen nach Berlin, nachdem bis zum Januar d. J. draußen in Cladow eine Art Flottenstation der National-Galerie arbeitete und noch zuletzt die Konkurrenz eines anderen Museums hatte aus dem Felde geschlagen werden müssen. Aus dem Hofe hinter dem Kronprinzen-Palais, wo die Drahtverhau-Vorräte der Schupo stehen, wurde ein Gerüst aufgebaut und damit sind die balkenumklammerten Mauerungetüme zentimeterweise hochgewunden und ins Innere gewuchtet worden. Das Schwerste aber kam zuletzt; fast ein Jahr lange waren die gemalten Wände mit Papier und Leinwand beklebt und sollten nun enthüllt werden. Slevogt und der Heizer des Kronprinzenpalais, mit einer Gartenspritze unablässig kaltes Wasser spritzend, waren die Assistenten dieser zwölfstündigen Enthüllung. Es war den Wänden nichts passiert. Da aber die Malereien keineswegs mehr den alten Zustand zeigten, hat Slevogt nicht nur die schadhaften Stellen übergangen, er hat hier und da gebessert, ohne dabei die eigenartigen Verwitterungsreize zu stören, die sein Werk durch die Havelhöhen und die Rennpferde erhalten hat. Die Halle ist in dem ehemaligen Speisesaal der kronprinzlichen Familie eingebaut worden…“ [12]

Nachdem das Haus, das ab 1919 die „Moderne Abteilung der Berliner Nationalgalerie“ beherbergte, bereits am 21. Juni 1944 durch Bombenangriffe in Mitleidenschaft gezogen worden war, meldete die Hauptluftschutzstelle der Stadtverwaltung dann sechs Wochen vor dem Kriegsende in Berlin:

„Bericht über den 335. Fliegeralarm am Sonntag, dem 18. März 1945, ausgefertigt am 21. März 1945. (269. Folge) Alarm 10.52 Uhr, Vorent. 12.38 Uhr, Entw. 12.45 Uhr Die Reichshauptstadt Berlin wurde in den Mittagsstunden des 18. März 1945 von etwa 1.200 amerikanischen Bombenflugzeugen mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben angegriffen. Insgesamt wurden nach vorliegenden Meldungen 6.000 Sprengbomben, rd. 500.000 Stabbrandbomben und 3.000 Flüssigkeitsbomben abgeworfen. […] Die schwersten Schäden entstanden wiederum vorwiegend in der Innenstadt, besonders in den Bezirken Horst Wessel, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Mitte.“ [13] Für den Verwaltungsbezirk Mitte werden in diesem Bericht als „bemerkenswerte Schadenstellen“ für die Straße Unter den Linden aufgeführt: Akademie der Künste, Französische Botschaft, Reichserziehungsministerium und das Kronprinzenpalais. Unter den Trümmern des Kronprinzenpalais, die einen vollständigen Abriss erforderlich machten, waren auch Slevogts Fresken, die ja aufgrund der Größe und des Gewichts der Wände nicht ausgelagert werden konnten. Heute wird das 1969 wieder aufgebaute Gebäude, das sich gegenüber dem Deutschen Historischen Museum befindet, für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Slevogts außergewöhnliches Werk – die „phantasievollste Wandbildfolge deutscher Kunst“ [14] des 20. Jahrhunderts, die „schönste Leistung von Max Slevogts malerischem Improvisationstalent“ [15] – war also unwiederbringlich verloren.

Und trotz der vollständigen Zerstörung können wir uns heute noch ein Bild davon machen, denn 1921 waren bei Paul Cassirer in Berlin 260 aufwändig gestaltete und nummerierte Kassetten hergestellt worden. Sie enthielten elf farbige, qualitativ hochwertige Lichtdrucke und trugen den Titel „Die Wandmalereien in Neu-Cladow“.

[1] Oskar Bie, Der überführte Slevogt. In: Hallische Nachrichten, 15.07.1924, S. 2.

[2] Owesle, Miriam-Esther, „…Ausdruck freundschaftlicher Übereinstimmung in wichtigsten Lebensfragen“. Max Slevogt und Johannes Guthmann im Spiegel ihrer Korrespondenz. In: Wedekind, Gregor (Hrsg.), Max Slevogts Netzwerke: Kunst-, Kultur- und Intellektuellengeschichte des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, Berlin 2021, S. 19.

[3] Vgl. Röske, Thomas, Ein Doppelportrait von Max Slevogt. In: Wedekind, Gregor (Hrsg.), Blick zurück nach vorn – neue Forschungen zu Max Slevogt, Berlin 2016, S. 62.

[4] Ebd., S. 63

[5] Ebd., S. 61-79.

[6] Vgl. Berliner Maler. Menzel, Liebermann, Slevogt, Corinth. Hrsg. von Irmgard Wirth. Berlin 1986, S. 188.

[7] Guthmann, Johannes, Goldene Frucht. Begegnungen mit Menschen, Gärten und Häusern. Tübingen 1955, S. 172-175.

[8] Ebd., S. 175 f.

[9] Ebd., S. 182.

[10] Berliner Tageblatt, 17.03.1924, AbendAusgabe, S. 2.

[11] Berliner Maler. Menzel, Liebermann, Slevogt, Corinth. Hrsg. von Irmgard Wirth, Berlin 1986, S. 214.

[12] Hannoverscher Kurier, Hannoversches Tageblatt, 18.03.1924, S. 3.

[13] Landesarchiv Berlin, Berichte der Hauptluftschutzstelle der Stadtverwaltung Berlin, Berlin 2012, S. 1075.

[14] s. [11], S. 188.

[15] s. [10].

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