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Winter 2021 Seite 38

57. Dorfgeschichtliche Wanderung
Rund um den alten Golfplatz
Peter Streubel Rainer Nitsch

Quelle: Kladower Forum Treffunkte 2021 4W Seite 38 Peter Streubel und Rainer Nitsch

57. Dorfgeschichtliche Wanderung Rund um den alten Golfplatz

Vorweg ein Dankeschön!

Seit der 39. Dorfgeschichtlichen Wanderung am 29.4.2011 unter dem Titel „Von Menschen, Läden und anderem Gewerbe“ hat Eike Baring in der jeweils folgenden Ausgabe der Treffpunkte seinen Bericht über die von der Werkstatt Geschichte angebotenen Wanderungen veröffentlicht, so dass auch alle Kladower, die nicht daran teilgenommen hatten, einen anschaulichen Eindruck von den jeweils berücksichtigten Stationen gewinnen konnten. Er hat dabei nicht nur die wesentlichen Sachinformationen aus den z. T. umfangreichen „Vorträgen“ herausgefiltert, sondern diese z. T. auch durch seine persönliche Sichtweise so erweitert, dass seine Texte keine trockenen Berichte waren, sondern lebendige Schilderungen, die zeigten, dass unsere Dorfgeschichtlichen Wanderungen durchaus einen erlebnishaften Charakter besitzen. Da Herr Baring nun nicht mehr an den manchmal zeitlich bzw. räumlich umfangreichen Wanderungen teilnehmen kann, möchten wir uns an dieser Stelle für seine langjährige Bereicherung der Treffpunkte als „Chronist mit persönlicher Handschrift“ ganz herzlich bedanken.

Vor der 57. Dorfgeschichtlichen Wanderung waren wir durchaus ein bisschen aufgeregt, da wir pandemiebedingt etwas aus der Übung waren, und auch ein wenig gespannt, ob nach so langer Zeit – die letzte Wanderung fand ja im Herbst 2019 statt – in der Kladower Bevölkerung noch genügend Interesse bestehen würde. Umso erfreuter konnten wir feststellen, dass wir am 25.9. am Treffpunkt fast 60 erwartungsfreudige Menschen begrüßen konnten, denen genau wie uns in der Zwischenzeit etwas gefehlt hatte.

Zu Anfang mussten wir die Mitwandernden allerdings darauf hinweisen, dass von ihnen diesmal eine bestimmte Form von Mitarbeit, nämlich Vorstellungskraft, erwartet würde, da vieles, was auf diesem Rundgang erwähnt und erläutert werden sollte, nicht mehr vorhanden ist. So z. B. auch gleich am Treffpunkt die 1948 im Rahmen der Luftbrücke am Imchenplatz erbaute ca. 4 m hohe und ca. 80 m lange hölzerne Kohlenrampe, von der aus die vom Flugplatz Gatow geholte Kohle über Schütten in die am Ufer liegenden Schuten verladen wurde, um die Elektrizitätswerke wenigstens mit etwas Brennmaterial versorgen zu können. In diesem Zusammenhang wurde auch auf ein von der Werkstatt Geschichte entworfenes Schild hingewiesen, das in der Nähe der Sitzbänke angebracht ist und kurze allgemeine Informationen zur Rampe enthält.

Für Details kann man mit geeigneten Handys über den vorhandenen QR-Code auf eine Seite des Kladower Forum gelangen.

Bevor wir uns dann in Bewegung setzten, gab es noch Hinweise auf das Areal, das der Wanderung seinen Titel gab, und auf seinen Eigentümer. Der spätere Golfplatz gehörte zum riesigen Landbesitz Robert Guthmanns in Kladow und Gatow, war aber zu keinem Zeitpunkt Teil des Gutes Neukladow, dessen Fläche ja heutzutage durch die umgebende Mauer klar abgegrenzt ist. Er wurde wohl 1926/27 von Leo van den Bergh erworben und 1927 an den Rändern mit drei Häusern bebaut, die schon lange nicht mehr existieren: mit einem Wohnhaus und einem großen Gärtnerhaus am heutigen Sibeliusweg sowie einem Reit- und Kutscherhaus an der heutigen Imchenallee.

Leo van den Bergh, 1882 als Sohn des Begründers einer Margarinefabrik in den Niederlanden geboren, wurde 1909 Geschäftsführer der van den Bergh’s Margarine G. m. b. H. in Deutschland. Die Zentrale des sich immer weiter in Deutschland und Europa ausdehnenden Konzerns wurde 1919 nach Berlin verlegt und 1930 durch Fusion mit der englischen Firma Lever zu einem weltweiten Konzern ausgebaut. Da Leo van den Bergh bis Ende 1930 an führender Stelle in allen Vorständen tätig war, besaß er genug Kapital, um in Kladow ein Gelände von ca. 30 Morgen zu erwerben und als Park sowie als Golfplatz zu gestalten. Ab 1937 wurde der Golfplatz wohl nicht mehr genutzt, da der Eigentümer sich ins Exil nach England und dann später in die USA begeben musste.

Unsere erste kurze Station war der Räuber-Spielplatz am Beginn des Sibeliusweges, ist er doch inzwischen eine „kleine Berühmheit“ geworden. Nachdem er bereits im Jahr 2016 in der New York Times sehr positiv erwähnt worden war, erhielt er im Juli dieses Jahres im Tagesspiegel eine „Auszeichnung“, weil er von verschiedenen Redakteurinnen und Redakteuren und ihren Kindern, die in den vergangenen Jahren einige ansprechende Plätze in Berlin besucht hatten, auf Platz eins ihrer Top Ten gesetzt wurde.

Anne Lange wohnt selbst in der Finnenhaussiedlung. So konnte sie uns kompetent über die Entstehung der Siedlung informieren. Der großen Wohnungsnot in den Nachkriegsjahren, auch mit bedingt durch die großen Flüchtlingsströme aus den deutschen Ostgebieten, kamen die USA dadurch nach, dass sie mit den Finnen aushandelte, in Deutschland Siedlungen im Stile der Finnen zu errichten. So wurden hier in Kladow ab 1957 auf Kirchengelände und auf Äckern des Bauern Karl Parnemann 379 Eigenheime für Flüchtlinge mit Lastenausgleichsansprüchen gebaut. Das dazu benötigte Holz aus Finnland half wiederum der finnischen Wirtschaft. Den Kladowern kamen diese Häuser schon sehr komfortabel vor, waren sie doch an die siedlungseigene Kanalisation angeschlossen. Die Baupläne zeichnete der Architekt Scheibe von der GEHAG, die Firma Puutolo Oy aus Finnland fertigte die Holzelemente, die USA finanzierten alles. Am 11. August 1958 wurde in Anwesenheit der Schwester des amerikanischen Politikers John Foster Dulles Richtfest gefeiert. Die Straßen in der Siedlung erhielten die Namen finnischer Dichter und Komponisten.

Foto Anne Lange erzählt über die Errichtung der Finnenhaussiedlung Foto: Rainer Nitsch

Am Rande der Finnenhaussiedlung steht noch heute die Villa der Familie Lewenz, die 1938 wegen ihres jüdischen Glaubens Berlin verlassen musste. Der Fabrikant Hans Lewenz ließ 1925 auf dem Land, auf dem heute die Finnenhaussiedlung steht, eine Villa für sich und seine Familie bauen. Karl Barth gestaltete den Garten. Zu der Anlage gehörte eine großräumige Tennisanlage. Nachkommen leben heute in den USA, zu denen wir Kontakt gehabt haben.

An der nächsten Station, die dem Gebiet der später errichteten Finnenhaussiedlung zuzuordnen ist, informierte uns Manfred Reusch über die Villa Braun, das einzige Haus in Kladow, das im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer so stark beschädigt wurde, dass es in der Folge abgerissen werden musste. Herr Reusch bezog sich bei seiner Präsentation auf die umfangreichen Recherchen von Thomas Braun, Enkel des Eigentümers, die nur den Schluss zulassen, dass der Bombenabwurf am 30.01.1944 ursprünglich nicht beabsichtigt war, sondern die selbständige Entscheidung der Crew eines britischen Lancaster-Bombers, der beim Anflug auf Berlin durch Flak-Treffer beschädigt worden war.

Foto Die Villa Lewenz, Runebergweg 32 Foto: Rainer Nitsch

Und um evtl. noch die Chance für einen Rückflug zu haben, musste das Gewicht der Maschine durch Abwurf der Bombenlast reduziert werden. Durch die Druckwelle der Sprengbombe wurden dann sechs Personen im Luftschutzkeller der Villa getötet.

Prinz Max zu Schaumburg-Lippe, 1898 in Österreich geboren, wird von 1938-1942 in den Berliner Adressbüchern als Eigentümer eines Hauses angegeben, das bereits 1929 vom amerikanischen Fabrikanten Nate Mock erbaut worden ist. Der Prinz, ältester Sohn von Prinz Albrecht zu Schaumburg-Lippe, diente als Offizier im 1. Weltkrieg, war in der Zeit der Weimarer Republik Vorstandsvorsitzender der Phoenix-Versicherungsgruppe in Berlin, trat 1933 in die NSDAP ein und heiratete im gleichen Jahr die wohlhabende Tochter des Vorsitzenden einer Berliner Batteriefabrik. Das Haus, von dem es eine etwas unscharfe Luftaufnahme gibt, muss sehr groß gewesen sein, denn in einem kurzen Bericht einer Wiener Zeitung ist davon die Rede, dass „Ihre Hochfstl. Duchl. Prinz und Prinzessin Max zu Schaumburg-Lippe“ im Februar 1936 „auf Ihrem Besitz Lindhorst in Cladow bei Berlin eine Tanzparty“ gaben, zu der 90 Gäste eingeladen waren. Darunter neben der „kais. u. kgl. Hoheit Kronprinz Wilhelm“ und dessen Frau 15 Prinzessinnen und Prinzen aus anderen Fürstenhäusern sowie etliche Barone und Grafen. Eine gewisse Bekanntheit in bestimmten Kreisen hat der Besitzer der Villa, der wohl 1943 in das nach dem Tod seines Vaters geerbte Schloss Pfaffstätt in der Nähe von Salzburg gezogen ist, durch seine relativ erfolgreiche Karriere als Rennfahrer, die ihm den Spitznamen „Prinz Sause“ Max einbrachte. Warum die Villa Schaumburg-Lippe – wohl 1943 – abgerissen wurde, ist nicht bekannt.

Der Kladower Herbert Großmann ließ Anfang der 50er Jahre das Grundwasser auf seinem Grundstück zwischen Kladower Damm und Sibeliusweg auf seine Heilkraft untersuchen. Aufgrund des positiven Ergebnisses baute er einen Brunnen und eine Heilstätte für bedürftige Patienten. Er bekam die Genehmigung seinen Standort „Bad Kladow“ zu nennen. Das Wohnhaus ist das Einzige, das von dieser Anlage noch übrig ist. Später unterhielt hier der Bezirk Neukölln eine Ferien- und Erholungsstätte für Schüler. Heute stehen die Gebäude leer.

An der Stelle unseres Rundgangs, an der die Friedrich-Hanisch-Straße auf den quer verlaufenden Mascha-Kaléko-Weg trifft, trug Anne Lange in einfühlsamer Weise das von der Dichterin im New Yorker Exil verfasste Gedicht „Souvenir à Kladow“ vor, in dem es einer Zeile heißt: „Hier hab ich achtzehn Frühlinge gewohnt.“ Wir wissen aber leider bis heute nicht, wo in Kladow sie gewohnt hat.

Schließlich erreichten wir die Zielgerade: die Imchenallee, an der havelseitig einige interessante Häuser stehen bzw. standen.

Als letztes vor dem Gut Neukladow liegt auf einem sanften Hügel die Villa Bracht, so genannt nach dem in Fachkreisen wegen seiner Manualhilfe bei einer Geburt mit Beckenendlage bekannten Gynäkologen. Da er ein sehr beliebter und kompetenter Frauenarzt war, hat er auch viele Kinder gut situierter Familien zur Welt gebracht. Sein 1935 nach Plänen des Potsdamer Architekten-Büros Estorff & Winkler erbautes Haus ist ein Beispiel für den von den beiden Architekten geprägten Landhausstil, nach dem in den 30er Jahren in Potsdam und Umgebung viele Einfamilien- und Siedlungshäuser entstanden. Das Haus weist häufig verwendete architektonische Elemente dieses auf Schaueffekte verzichtenden Konzepts auf: heller Putz, auskragendes Walmdach als Steildach, weiße Sprossenfenster, Schlagläden, rechteckiger Grundriss (hier zur Gartenseite hin links durch eine L-Form erweitert). In Kladow ist nach entsprechenden Prinzipien in der Waldallee das Landhaus Masolle entstanden.

Das bekannteste Baudenkmal ist aber die Estorff-Siedlung mit 36 Häusern in der Nähe des Schlosses Cecilienhof zwischen den Straßen „Am Neuen Garten“ und „Große Weinmeisterstraße“.

Direkt gegenüber der Villa Bracht liegt das 1932 gebaute Pump- und dann 1937 erweiterte Wasserwerk Kladow, über das uns Herr Slottke informierte, der früher dort beschäftigt war und dem Kladower Forum bereits vor einiger Zeit historische Pläne, Fotos und Dokumente zur Verfügung gestellt hat, unter anderem ein eindrucksvolles Foto von den Arbeiten zu dem 1973 in Betrieb genommenen Neubau.

Foto Werner Slottke war beim Bau des Kladower Wasserwerks 1970 dabei Rainer Nitsch

Auf Fragen nach Gründen für die in letzter Zeit in Kladow beobachteten Probebohrungen wies er auf die Notwendigkeit von Untersuchungen der zum Wasserwerk hinführenden Tiefenströme hin.

Es hat uns besonders gefreut, dass Klaus Fehsenfeld, der jetzige Eigentümer der Villa Rumpler, selbst die Vorstellung übernahm und dabei lebhaft die Besonderheiten des wohl 1921 errichteten Hauses hervorhob. In der ersten Bauphase war der heute zu sehende rechte Flügel nur als tunnelförmige Durchfahrt zum Wohnhaus vorgesehen. Das kreisförmige Wohnhaus, das nie gebaut wurde, sollte dann später weiter unten am Hang in Havelnähe als drehbares Objekt entstehen. Das Projekt eines rotierenden Hauses ist darauf zurückzuführen, dass Edmund Rumpler ein begnadeter Erfinder sowie erfolgreicher Flugzeug- und Autokonstrukteur war. Seine bekanntesten Produkte waren die „Rumpler-Etrich-Taube“ und der Tropfenwagen, der zwar einen in der damaligen Zeit einzigartig niedrigen Luftwiderstand aufwies, sich aber nur schwer verkaufen ließ, so dass einige Fahrzeuge aus den Restbeständen in der Schlussszene des Films „Metropolis“ spektakulär verbrannt wurden. Die heutige Gestalt des Hauses ist auf einen Anbau zurückzuführen, der durch die Fabrikantenwitwe Emma Hossfeld veranlasst wurde, nachdem sie die gesamte Immobilie 1936 erworben hatte.

Da wir bis zu diesem Zeitpunkt nur um den Golfplatz herumgewandert waren, das Gelände aber wegen der es umgebenden Vegetation noch nicht gesehen hatten, erfolgte an einer geeigneten Stelle ein kurzer Abstecher, der einen Blick auf das leicht hügelige Areal ermöglichte. In einem 1930 veröffentlichen Prospekt der Baumschule Späth, die mit der landschaftlichen Gestaltung des Privatgolfplatzes von Leo van den Bergh beauftragt war, gibt es einen Plan, auf dem man die komplizierte Anordnung von 9 möglichen Spielbahnen unter Verwendung von 6 Löchern erkennen kann.

Nachdem der Eigentümer ins Exil gehen musste, wurde der Platz nicht mehr zum Golfspiel genutzt, aber nach dem 2. Weltkrieg wieder dieser Funktion zugeführt, da Mitglieder des Golf- und Land-Club Wannsee, die ihren von den Amerikanern in Anspruch genommen Platz nicht mehr nutzen durften, sich beim Bezirksamt Spandau erfolgreich um einen Pachtvertrag für das verwaiste Gelände bemühten und so von 1946 bis 1952 in Kladow wenigstens „Behelfsgolf“ spielen konnten.

Um die Eiche mitten auf dem Golfplatz rankt sich eine Legende. Hier soll der Leichenzug mit dem Leichnam König Gustav Adolf von Schweden, der in der Schlacht bei Lützen 1632 gefallen war, auf seinem Zug von Lützen und Spandau nach Stralsund in einer Trauerfeier geehrt worden sein. Die Eiche hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geteilt und über Ableger auch immer wieder erneuert. Der neben dem Stamm liegende mächtige Eichenkorpus könnte dafür ein Zeichen sein.

Zum Schluss hielten wir noch kurz am Grundstück, auf dem seit 1977 das BSR-Freizeitheim gestanden hatte, dessen Schließung im Jahr 2000 einerseits eine Entlastung für den Berliner Haushalt bedeutete, da zuletzt jährlich ca. eine Million DM an Subventionen für den Betrieb aufgebracht werden mussten, andererseits für Kladow aber einen Verlust bedeutete, da die Schwimmhalle im Haus benutzt und die Kegelbahn sowie Veranstaltungsräume gebucht werden konnten.

Nach fast zweieinhalb Stunden, prall gefüllt mit Informationen und Eindrücken, beschlossen wir einen Rundgang in einer Gegend Kladows, deren vielfältige historische Dimension bisher so noch nicht deutlich geworden war.

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