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Winter 2021 Seite 46
Die Buslinie A6 zwischen Groß Glienicke und Kladow
In den Jahren 1946 bis 1953
Helmut Bünning
BVG A6 Dorfplatz
Eine kurze Chronik der Kladower Buslinie
Von 1946 bis 1953 ist der Omnibus A 34 der Berliner Verkehrs-Betriebe (kurz: BVG) mit Unterbrechungen (u. a. wegen Reifenmangel) von Spandau aus nur bis zum Dorfplatz Kladow gefahren. Die Abkürzung BVG für „Berliner Verkehrs-Aktien-Gesellschaft” stammt aus dem Gründungsjahr 1928. Ab 1952 ist zusätzlich der Bus A 35 ab Spandau bis nach Kladow eingesetzt worden. In der o. g. Zeitspanne gab es in Kladow darüber hinaus die Omnibuslinie J bis 1949 und den Nachfolger die Omnibuslinie A 6 bis 1953 (s. Bild 1, ca. 1950). Der Bus „J“ fuhr anfangs von der Glienicker Aue in Groß Glienicke bis zum Dorfplatz in Kladow. Dadurch waren Groß Glienicke im Land Brandenburg, die Siedlung „Wochenend West“, die „Schweizerhaus-Siedlung“ und die „Arbeitersiedlung“ in West-Berlin durch ein öffentliches Verkehrsmittel an den Dorfplatz in Kladow angebunden. Im Jahr 1949 ist die Buslinie J in A 6 (der Sechser) umbenannt und kurz danach ab Kladow Dorfplatz bis zum Hottengrund verlängert worden. Damit hatten auch die Anwohner der Sakrower Landstraße bis zum Hottengrund die Möglichkeit, den Bus A 34 ab 1952 auch den Bus A 35 am Dorfplatz in Kladow in Richtung Spandau mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zu erreichen. Im Jahr 1950 gab es einige Zwischenfälle an der Zonengrenze zwischen West-Berlin und Groß Glienicke, die zur Abtrennung des in Brandenburg liegenden Streckenteils der Buslinie A 6 (von Groß Glienicke bis zur Stadtgrenze von West-Berlin) geführt haben. Der Bus A 6 fuhr danach nur noch vom „Gutshof Groß Glienicke“ bis zum Hottengrund. Im Jahr 1953 ist der Betrieb der Omnibuslinie A 6 eingestellt und durch zwei Maßnahmen der BVG ersetzt worden:
1. Die aus Spandau kommende Buslinie A 34 ist bis zum „Gutshof Groß Glienicke“ und
2. die ab 1952 betriebene Buslinie A 35 (ab Spandau) ist über Alt-Kladow hinaus bis zur Kaserne im Hottengrund verlängert worden.
Ich danke dem Verkehrshistoriker Peter Müller-Mark für seine hilfreichen Hinweise zu den Kladow betreffenden Buslinien.
Die Kladower Schüler und ihr „Sechser“
Auf dem Bild 2 des Kladower Fotografen Willy Huschke (Eigentum des Stadtmuseums Berlin) aus dem Jahr etwa 1950 sieht man den „Sechser“, der gerade am „Haus Jäkel“ in Richtung Hottengrund vorbei gefahren ist. Dieser hinten offene, hart gefederte „Sechser“ war ein Doppeldecker-Bus mit einem vorgesetzten eckigen Motorblock. Er hatte im Fahrzeugheck eine niedrig angelegte zur Seite offene Ein- und Aussteige-Plattform, die wegen der Unfallgefahr nicht als Stehplatz benutzt werden durfte. Von dort führte eine steile Treppe zum überdachten, mit geschlossenen Fenstern versehenen Oberdeck.
Dieses ist gern von den Schülern benutzt worden, welche die Oberschulen außerhalb von Kladow, mich eingeschlossen, besucht haben. Weil es auf dem Oberdeck unter den Schülern fast immer sehr turbulent und lautstark zuging, ist es von Erwachsenen, auch wegen der steilen Treppe, nur ungern aufgesucht worden. In diesem zweistöckigen Omnibus gab es zu Beginn der 1950er Jahre einen Fahrer und einen Schaffner, der das Fahrgeld kassiert hat. Er trug vor seinem Bauch eine kleine an einem Tragriemen befestigte Ledertasche für die Fahrschein-Blocks und die Geldscheine. An der Außenseite der Tasche hing ein Münzgeldwechsler mit vier vertikalen Münzröhren für die unterschiedlich großen Geldmünzen (Wechselgeld zu 5, 10, 50 Pfennige und Eine Mark, DM-Währung). Nachdem man von der hinteren Plattform über eine hohe Stufe in den unteren Fahrgastraum eingestiegen und sich gesetzt hatte, zuckte man unwillkürlich schuldbewusst zusammen, wenn der Schaffner nach dem Anfahren des Busses laut rief: „Noch jemand ohne Fahrschein?“. Als ehrliche Haut meldete man sich (oder nicht), bezahlte seinen Obolus und bekam einen Fahrschein mit einer Umsteigemöglichkeit in den A 34 bzw. A 35. Der Fahrschein ist von einem Fahrscheinblock abgerissen werden.
Da die leeren Blocks gern von den Schulkindern gesammelt worden sind, hörte man damals hin und wieder: „Schaffner, hasde ´n Block?“.
Normalerweise, d. h. bei relativ wenigen Fahrgästen, fuhr der Fahrer nach dem Halt an der Haltestelle nur los, wenn alle Fahrgäste im unteren Deck ihren Sitzplatz seitlich vom Mittelgang eingenommen hatten. Es gab sogar ein Schild in Augenhöhe auf dem sinngemäß stand: „Das Stehen im Gang ist verboten!“. Während der Verkehrsstoßzeiten, d. h. bei einem großem Fahrgastaufkommen, war der Mittelgang des unteren Fahrgastraumes und die hintere Ein- und Aussteige-Plattform trotz des Aufenthaltsverbotes auch unter der steilen Treppe voll besetzt.
Eine oft von jugendlichen Fahrgästen ausgeübte Unsitte war, schon kurz vor dem endgültigen Halt des Omnibusses von der seitlich offenen Plattform auf den Gehsteig abzuspringen.
Während der damals mituter strengen Winter konnte es im Oberdeck sehr kalt werden. Es gab jedoch eine Rettungsmöglichkeit, indem man sich ins Unterdeck geflüchtet hat. Dort befand sich vor dem Zugang zum unteren Fahrgastraum ein schwerer Vorhang, der bei winterlicher Kälte stets zugezogen worden ist.
Eine Omnibusfahrt mit dem „Sechser“ durch Kladow zu Beginn der 1950er Jahre:
1. Vom Gutshof Groß Glienicke bis zur Tankstelle Hagenbrink
Wir sitzen in der ersten Reihe im Oberdeck des „Sechsers“ und beobachten den Streckenverlauf ab „Gutshof Groß Glienicke“ in Richtung Hottengrund. Schräg gegenüber von der Endhaltestelle am „Gutshof Groß Glienicke“ sehen wir das Restaurant und Café „Waldidyll“. Dort haben neben anderen Festlichkeiten auch Hochzeitsfeiern stattgefunden. Nach meiner Einschätzung ist das „Waldidyll“ gegen Ende 1970er Jahre abgerissen und anschließend durch Wohnhäuser ersetzt worden.
Nach kurzer Fahrt bemerken wir rechter Hand die Storchenstraße, an der der Komponist Eberhard Storch gewohnt hat. Meine Grundschulkameradin Karin hat mir hierzu kürzlich erzählt, dass der vielen älteren Kladowern bekannte Schlager „Auf Wiederseh´n“ vom Komponisten Eberhard Storch komponiert worden ist.
Gegenüber blicken wir auf den von der britischen „Royal Airforce“ (RAF) 1945 besetzten Flughafen Gatow mit den Landebahnen und den dunkelgrünen Flugzeughallen im Hintergrund. Der Ausbau zum Militärflughafen der deutschen Wehrmacht erfolgte im Jahr 1935. Nach der kurzzeitigen Besetzung des Flugplatzes durch die russische Besatzungsmacht nach dem Ende des letzten Krieges im Jahr 1945 ist der Flughafen an die britische Besatzungsmacht im Rahmen eines Gebietsaustausches u. a. mit dem Flughafen Staaken übergeben worden.
Doch nun zurück zu unserer Omnibusfahrt. Wir passieren auf der rechten Straßenseite die Siedlung „Wochenend West“, die ungefähr von der Uferpromenade (Zugang zur Badestelle „Pferdekoppel“ am Groß Glienicker See) bis hinter die Waldallee reicht. Dieses Gelände hat vor dem Siedlungsbau Otto von Wollank (1862-1929), dem Besitzer des Rittergutes Groß Glienicke, gehört.
Wir erreichen rechter Hand den Arnoldweg, an dem die etwas im Wald versteckte Schilfdachkapelle steht. Sie ist im Jahr 1953 während der Amtszeit (1947-1967) des Pfarrers Wilhelm Stintzing (1914-2014) eingeweiht worden. Am Bau der Kapelle war auch der Kladower Maurermeister Richard Eisenblätter mit seiner Baufirma beteiligt.
Die Hinweise zur Storchenstraße, zum Flughafen und zur Schilfdachkapelle verdanke ich meiner ehemaligen Grundschulkameradin Karin.
Hinter der Selbitzer Straße kommen wir linksseitig zur Gärtnerei Mocke an der „Alten Schanze“ (Ritterfelddamm 110 b).
Dort haben viele Kladower damals u. a. Topfpflanzen und Blumensträuße gekauft.
Gegenüber beginnt die „Schweizerhaussiedlung“, deren Aufbau im Jahr 1935 von der Wohnungsbaugesellschaft „Deutsches Heim“ begonnen worden ist. Die Siedlung hieß vor 1945 „Unteroffizierssiedlung“.
Nach kurzer Fahrt erkennen wir rechtsseitig innerhalb der Siedlung das weithin bekannte und gern von den Kladowern und vielen auswärtigen Gästen besuchte Restaurant und Cafe „Schweizerhaus Kladow“ am Ritterfelddamm 91-99 Ecke zu Gredinger Straße (Inhaber: Bonkowski).
An schönen Tagen war der große Parkplatz des Schweizerhauses mit den Fahrzeugen der Besucher voll belegt. Das Cafe war besonders wegen des leckeren Käsekuchens von Frau Bonkowski über Kladow hinaus bekannt. Im Schweizerhaus gab es auch einen Lebensmittelladen, in dem man fast alle Artikel des täglichen Bedarfs bekommen konnte. Der Laden ist bevorzugt von den Bewohnern der „Schweizerhaussiedlung“ aufgesucht worden, weil der Weg zu den Geschäften im Ortskern von Kladow mit dem Fahrrad oder zu Fuß für die täglichen Einkäufe zu weit war. Das Schweizerhaus ist meines Wissens zu Beginn der 1980er Jahre abgerissen worden.
Nach der Vorbeifahrt am „Schweizerhaus Kladow“ öffnet sich rechter Hand ein gegenüber der Straße tiefer liegendes weites Feld mit dem im Hintergrund gelegenen Unkenpfuhl. Im Sommer war das Quakkonzert der im Pfuhl heimischen Frösche weithin zu hören. In der Winterzeit war das von uns Kindern mit Entenpfuhl bezeichnete Gewässer lange vor dem Groß Glienicker See zugefroren. Dann diente uns die Eisfläche als Spielfläche für Eishockeyspiele mit Holzknüppeln und mit eine zerbeulten Libby´s Kondensmilch-Dose als Puck.
Unser „Sechser“ erreicht nach kurzer Fahrt auf der ansteigenden Straße die Zufahrt zur Arbeitersiedlung, den heutigen Schwabinger Weg. Kurz dahinter erkennen wir rechter Hand das einzige Fahrradgeschäft im Ort Kladow. Der Fahrradverkauf und die Reparaturwerkstatt des Fahrradhändlers Karl (Kalle) Deutschmann war im Erdgeschoß des Einfamilienhauses (Ritterfelddamm Nr. 35) untergebracht. Der immer freundliche Kalle hat besonders uns Jugendlichen gern, zügig und kompetent bei technischen Problemen an unseren Fahrrädern geholfen. Meine Familie hat damals ihre Fahrräder (Marke: Hercules) vertrauensvoll in seinem Laden gekauft.
Wir erreichen die höchste Stelle des Ritterfelddammes und sehen rechter Hand den Gartenbaubetrieb von Karl Kittner mit seinem Wohnhaus, mit dem kleinen Obstgarten und mit den beiden Treibhäusern. Das Bild 3 zeigt sein Wohnhaus im Jahr 2000, das in den Jahren 2020 und 2021 nach jahrelangem Leerstand aufwendig restauriert worden ist.
Unser Bus ist inzwischen rechter Hand am heutigen Schallweg angekommen. Dieser Teil der Straße hieß bis 1962 Am Dorfwald (s. Bild 4), an dessen Ende sich die Waldschule mit zwei Schulbaracken und einem Toilettenhäuschen befunden haben. Die gelb getünchte Schulbaracke stand direkt am heutigen Schallweg und die zweite senkrecht dazu angeordnete langgestreckte Schulbaracke stand an einem heute nicht mehr vorhandenen Seitenweg gegenüber von einer heute ebenfalls nicht mehr vorhandenen Villa.
Wir passieren mit unserem Bus das Haus des Landwirtes E. Starck mit der Nummer 17. Aus dem Berliner Adressbuch aus dem Jahr 1943 geht auf der Seite 1183 u. a. hervor, dass sich damals in diesem Haus das Polizeirevier 144 mit der Meldestelle Kladow befunden hat.
Unser „Sechser“ nähert sich der Kladower S-Kurve. Kurz vor der S-Kurve sehen wir vom Omnibus aus linker Hand die Tankstelle W. Hagenbrink am Ritterfelddamm 2-4 (ab 1958: Aral-Tankstelle Erich Ziegenbalg). Direkt hinter der Tankstelle mündet der mitten durch die Kladower Feld führende Mittelweg (heute: Eichelmatenweg). Die Kladower Bauern haben diesen damals aus festgefahrenem Sand bestehenden Weg benutzt, um ihre Pferdefuhrwerke zur Feldarbeit oder zur Getreide- oder Kartoffelernte zu kutschieren.
2. Von der S-Kurve bis zum Hottengrund
Unser Omnibus A 6 biegt rechts in die S-förmige Zufahrt zum Ortskern ein, in der sich auf der rechten Seite das Elektrofachgeschäft „Elektro-Weyer“ am Kladower Damm 386-388 befand. Das Bild 5 zeigt im Hintergrund das Geschäft im Jahr 1979 am Tag der Jubiläumsfeier „75 Jahre Freiwillige Feuerwehr Kladow“ (heute: u. a. mit der „buchhandlung kladow“)
Auf der anderen Straßenseite sehen wir ein altes Bauernhaus am Kladower Damm 387, das vor einiger Zeit vom „Kladower Forum e. V.“ in stark renovierungsbedürftigem Zustand erworben und inzwischen vollständig restauriert worden ist. Die Häuser in der alten S-Kurve tragen die Adresse „Kladower Damm”, weil dieser bis 1962 von der S-Kurve in Gatow aus kommend geradewegs durch die S-Kurve bis zur Straße Alt-Kladow am Haus Jäkel geführt hat. Auf dem ehemaligen kurzen Straßenabschnitt kurz vor der S-Kurve befinden sich heute ein gepflasterter Gehweg und eine Wiese zwischen alten Allee-Bäumen.
Unser „Sechser” hält auf dem Dorfplatz Kladow unweit der stattlichen, dicht belaubten Dorflinde. Im Hintergrund erkennen wir die evangelische „Dorfkirche Kladow“. An der Haltestelle „Alt-Kladow” könnten wir auf den Bus A 34 nach Spandau oder auf den Liniendampfer der „Stern und Kreisschiffahrt“ mit dem Ziel Anlegestelle Berlin-Wannsee (mit Bahnanschluss) umsteigen. Wir fahren aber weiter am „Haus Jäkel“ und dem Speiseeisladen der Familie Max Knopf vorbei und sehen linke Hand das Spritzenhaus der „Freiwilligen Feuerwehr Kladow“ an der Sakrower Landstraße Nr. 5. Die Reste dieses Zweckbaus sind kürzlich abgerissen worden.
Direkt hinter dem Spritzenhaus erstreckt sich der evangelische Dorffriedhof. Rechter Hand erkennen wir rückblickend die alte Dorfschule mit der Sirene auf dem Dach, das repräsentative Post-Gebäude mit seinem stattlichen Eingangsportal und das eindrucksvolle Gasthaus „Kladower Hof“ mit dem hinter dem Haus gelegenen Biergarten (s. „Treffpunkte“, Frühjahr 2020, Seite 27).
Wir passieren die Kreuzung Krampnitzer Weg/ Parnemannweg, die Baustoff- und Kohlenhandlung Hönow (links), die Kohlenhandlung Hebisch (rechts), den Gößweinsteiner Gang, den Hottengrundweg und den Temmeweg mit dem großen Kirschbaumgarten der Familie Kutschera.
Wir beenden unsere Busfahrt in der Nähe des Lüdickeweges an der Endhaltestelle im Hottengrund in der Nähe des Haupttores der von britischen Soldaten genutzten Kaserne „Montgomery Barracks“ (heute: Blücher-Kaserne). Von dort aus sind es nur etwa 300 m bis zu unserem Ziel dem „Schloss Brüningslinden“ mit dem Restaurant und dem Café. Einmal habe ich mit meiner Familie Kaffee und Kuchen auf der Terrasse hinter dem Gebäude genossen. Auf der Postkarte gemäß Bild 6 erkennen wir den „Venezianischen Löwenbrunnen“ im Innenhof des Schlosses. Leider ist auch dieses kleine Schloss im Jahr 1972 abgerissen und anschließend durch Wohnbauten ersetzt worden.
Der Löwenbrunnen ist durch glückliche Umständen nach dem Abriss des Schlosses eingelagert worden und ist in jüngster Zeit nach intensiven Bemühungen durch das „Kladower Forum e. V.“ nach Kladow zurückgekehrt. Der schöne von Kladower Handwerkern neu errichtete Brunnen hat hinter dem Haus des „Kladower Forum e. V.“ eine würdige Heimstatt gefunden.
